St.-Aloysius-Schützenbruderschaft von 1868 Stürzelberg e.V.
 
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Chronik
Geschichte der Bruderschaft von 1968 - 1993 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Holger Winter   
Montag, 04. September 2006 um 10:46

Die Bruderschaft von 1968 bis 1993

 

1968 war für die AIoysianer angesichts ihres 100jährigen Bestehens ein ganz besonderes Jahr. Doch nicht nur dieses Jubiläum machte die zwölf Monate so ereignisreich für den Ort. Da wurde beispielsweise am 19. Mai die neue evangelische Lukaskirche ihrer Bestimmung übergeben. Drei Wochen später empfing die Gemeinde zusammen mit Stadtdirektor Arthur Elicker und Bürgermeister Georg Lerch Wolfgang Petri, den ersten Pfarrer des modernen Gotteshauses. Weltlichere Gründe waren ausschlaggebend für eine weitere Inbetriebnahme: Die Kreissparkasse Grevenbroich eröffnete ihre Filiale. Angesichts der ,,Rivalität zwischen den Orten“, so Oberkreisdirektor Dr. Edelmann, hatte sich das Geldinstitut entschieden, sowohl in Stürzelberg als auch in Zons eine eigene Geschäftsstelle einzurichten. Derweil vermeldete die Spar- und Darlehns­kasse mit 38,7 Millionen Mark einen neuen Umsatzrekord.

Grund zu feiern hatten auch zwei örtliche Vereine. Die ,, Rheinwacht'. Wurde 40 Jahre alt, und der Ortsverbandsvorsitzende der DLRG, Bernhard Pira, konnte das lang erwünschte Rettungsboot mit Namen ,,Irene" für den Einsatz auf dem Rhein in Empfang nehmen.

 

Gründlich bereitete sich die Bruderschaft auf ihr großes Jubiläum vor. Bei der Generalversammlung im April hatte Brudermeister und Oberst Peter Malzkorn bereits angekündigt, daß das Festzelt 200 Quadratmeter größer sein werde als bisher, um dem erwarteten Besucheransturm gerecht werden zu können. Als Schirmherr des Jubiläums fungierte Jean Schmitz. Nicht von ungefähr wählte man den Stadtoberamtmann. Schließlich war es sein Vater Franz Schmitz, der nach dem zweiten Weltkrieg die Bruderschaft wieder auf die Beine stellte.

Als ein ,,Fest, das seinesgleichen sucht", würdigte die Presse den Ablauf des 100jährigen, zu dem der Nievenheimer Kulissenmaler Gronemann ein extra vagantes Schmuckstück entworfen hatte, nämlich die bemalten Stellwände mit lebensgroßer Darstellung der Vorstands- und Komiteemitgieder sowie des Königspaares entlang der Häuserfront von Malzkorn und Remmer an der Oberstraße. Große Beachtung fand ebenso die von Herbert Milz und Jakob Justenhoven verfaßte Chronik, die zum runden Geburtstag vorgestellt wurde. Die Gästeliste des Festes war lang. Unter anderem kam der Bundespräses, Rektor Tönnies, der die Grüße des Bundesvorstandes überbrachte und daran erinnerte, daß die Bruderschaften ein einzigartiger Beweis christlichen Glaubens und Bekenntnis zur Heimat seien. Einer, der in dieser Tradition stand, war Schützenkönig Heinrich Malzkorn, Majestät beim Jubiläumsfest Zusammen mit Jakob Zell beförderte er unter dem großen Jubel der Zeltbesucher Oberst Peter Malzkorn zum General und überreichte dann dem zweiten Brudermeister Zell eine neue Königskette, die die Ehrenzeichen der Majestäten im neuen Vereinsjahrhundert aufnehmen solle. Der erste, der seinen Orden ans neue Silberband heften durfte, war der erst 25jährige Siegfried Zint von den Seide Blömcher. Er wurde nach 329 Schuß auf das Holzgetier erster König im zweiten Jahrhundert des Bestehens der Bruderschaft ,,Das Leben des Ortes erhielt durch die Bruderschaft immer neue Impulse," stellte Schirmherr Jean Schmitz, der später zum Ehrenmitglied ernannt wurde, noch beim Kommers fest. Hätte er geahnt, was in den darauffolgenden Wochen alles passieren würde, dann hätte er seine Aussage sogar erweitern müssen, denn auch überörtlich machten die AIoysianer von sich Reden. Grund dafür: Die kommunale Neugliederung.

Bis in das Jahr 1968 finden sich keine Hinweise darauf, daß die Bruderschaft einmal aktiv in überörtliches politisches Geschehen eingegriffen oder zu politischen Fragen Stellung bezogen hatte. Waren es die Auswirkungen der ,,68er Revolution", die auch die Traditionshüter bewogen hatte in die Offensive zu gehen, war es gesteigertes Selbstbewußtsein nach einem glanzvollen Jubiläumsfest mit viel überregionaler Beachtung? War es Existenzangst, Heimatliebe oder von all dem etwas? Zum erstenmal in ihrer Geschichte, verstanden sich die AIoysianer als Sprachrohr der Bürgerschaft das sich auch über die Orts grenzen hinaus Gehör verschaffte. Durch viele Gemeinden und kleine Städte geisterte damals das Schreckgespenst der kommunalen Neugliederung.

 

Mitte des Jahres wurden erste konkrete Pläne bekannt Für die 8.657 Einwohner zählende Stadt Zons mit ihren beiden Stadtteilen wurden Konsequenzen deutlich: Die Stadt Düsseldorf wollte den Grind, später vielleicht ganz Stürzelberg eingegliedert wissen. Im Rahmen einer gut besuchten Versammlung meldeten sich dagegen die Schützen zu Wort, und Geschäftsführer Jakob Justenhoven erinnerte an uralte Traditionen: ,,Im Mittelalter schützten die Schützen mit Schwert und Degen die Bürger. Heute tun wir das mit den Waffen des Geistes.“ In einer Resolution an die Landesregierung, den Landtag und den Kreistag forderten die AIoysianer die Einstellung des Baues weiterer Brunnen durch das ,,Niederrheinische Bergische Gemeinschaftswasserwerk" im Grind. Die Baumaßnahme im Landschaftsschutzgebiet zur Wassergewinnung für die Landeshauptstadt wurde -vermutlich nicht zu Unrecht- als erster Schritt zur Eingemeindung aufgefaßt. Weiter formulierten die Traditionshüter: ,,Wir betrachten es als unsere Aufgabe, als größter Ortsverein hiergegen zu protestieren, und wissen uns einig in der Meinung aller Stürzelberger Bürger, die so wie wir nicht bereit sind, sich von der hungrigen Wölfin (gemeint ist die Stadt Düsseldorf Anm.d. Autors.)schlucken zu lassen. Wir machen von unserem Recht Gebrauch, als Bürger dieses Staates in das Geschehen aktiv einzugreifen." Die schriftlich fixierten Bedenken und Anregungen schickte der Vorstand an die Landesregierung. Der Petitionsausschuß befaßte sich am 4. März 1969 mit dem Schreiben, und antwortete mit Brief vom 17. März unter anderem : ,,Ein konkreter Neugliederungsvorschlag der Landesregierung besteht nicht. Er ist auch vorerst nicht zu erwarten." Bereits gemachte Aussagen des Düsseldorfer Oberstadtdirektors zur Gebietsreform wurden vom Petitionsausschuß ,,lediglich als Meinungsäußerungen zu den Modellvorsteilungen der Sachverständigenkommissionen bewertet

 

Selbstbewußt waren sie geworden, die Schützen und deutlich wiederspiegelte sich in ihrer Resolution ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn. Natürlich war das Thema Neugliederung auch innerhalb der Bruderschaft umstritten: War die Lösung, alles wie bisher als Stadt Zons zu belassen, am besten? Sollte man zur Stadt Dormagen werden? Oder wäre es besser, zusammen mit Nievenheim und Norf eine ganz neue Kleinstadt zu bilden? Fragen, die immer wieder bei Zusammenkünften diskutiert und erörtert wurden, bis dann ab dem 1. Januar 1975 der Rheinort ein Teil der neuen Stadt Dormagen wurde. Neben der „Standortfrage" ging es der Bruderschaft wesentlich darum, die eigenen Strukturen zu erhalten. Das beinhaltete vor allem, den Namen ,,Stürzelberg" nicht auslöschen zu lassen.

 

In Zusammenhang mit den Plänen der Landesregierung kursierten immer wieder neue Gerüchte: Da hieß es zum Beispiel. daß ein Tierpark in der Heide entstehen solle. Während dies nur eine Absichtserklärung blieb, erfüllte sich für die Feuerwehr des Rheinortes ein lang gehegter Wunsch. Die mit den AIoysianern über die gleichen Mitglieder eng befreundete Vereinigung feierte ihren 60. Geburtstag, zu dem Gründungsmitglied Jakob Knopf besonders geehrt wurde. Bei der Einsegnung des neuen Löschfahrzeuges, das gleichzeitig die Auseinandersetzung betreffs der Fahrzeugnutzung zwischen den Löschzügen Zons und Stürzelberg beendete, waren die Schützen mit von der Partie. Die Einweihung des Rettungsfahrzeuges gehörte zu den letzten Amtshandlungen von Pfarrer Alfons Sahler. Aus gesundheitlichen Gründen trat der Geistliche, an dessen Namen heute eine Straße erinnert, im September 1969 von seinem Amt zurück. Fast zehn Jahre lang war er Präses und Freund der Schützen. Er war es auch, der die Feldgottesdienste zum Heimatfest anregte.

 

Die Verbundenheit mit der Kirche dokumentierte sich nicht nur in der Person von Pfarrer Sahler Beispielsweise ist die Königsstandarte, die Heinrich Malzkorn 1968 stiftete, auch eine ,,geistliche" Arbeit: Schwestern des Kloster Kreitz stickten dieses Banner, das neben Anneliese und Siegfried Zint als Majestäten wehte.

 

Ein Mann aus Reihen der Sappeure regierte 1970 als Schützenherrscher Georg Lerch war nicht nur Schützenkönig. Von 1962 bis 1969 hatte er auch das Amt des Bürgermeisters inne. Als Politiker war er damals mitverantwortlich für das Entstehen des Neubaugebietes um Himmelgeister Straße, Arenzheide und Lisztstraße. Durch diese neue Siedlung zog 1968 erstmalig ein Festzug, eine Entscheidung, die den Neubürgern gut gefiel, im Regiment allerdings umstritten war. Kritik bekam auch die Jägerkompanie zu hören. Ein Jahr nach der Bruderschaft feierten die Grünröcke ihr 100jähriges Bestehen mit Ehrenbrudermeister Heinrich Malzkorn als Schirmherrn. Als besonders verdiente Kompaniemitglieder ehrte er im Rahmen einer eindrucksvollen Jubiläumsfeier Johann Schmitz, Johann Berchem und Peter Heuser. Trotz des gelungenen Festes gab es anschließend Ärger: Bei der Finanzierung der eigenen Festschrift und Chronik waren sich die Jägerkompanie und der Gesamtverein in der Anzeigenakquisation in die Haare geraten. Zunächst führte der daraus resultierende Streit so weit, daß Jakob Justenhoven, der vier Jahre später zum Jägermajor gewählt wurde, sein Amt als Geschäftsführer der Bruderschaft niederlegte. Diesem negativen Höhepunkt folgte aber schon bald die Aussöhnung.

Nichts mehr zu kitten gab es hingegen bei der Stürzelberger Hütte. Das letzte Relikt des Industriebetriebes, der bereits 1963 die Produktion aus Rentabilitätsgründen eingestellt hatte, war der 80 Meter hohe Kamin. Ein Zug der Bereitschaftspolizei Linnich sprengte den Schlot weg. Zurück blieb vom Unternehmen nur der ,, Rude Kupp", der von der Anlage zeugte, in der das sogenannte ,, Stürzelberger Verfahren" entwickelt wurde, mit dem man hoch gekohltes Sonderroheisen herstellte.

In die 70er Jahre startete die Bruderschaft mit einem neu formierten Vorstand. Schon 1969 war Jakob Zell zum ersten Brudermeister gewählt worden. Als ,,Vize" fungierte Fritz Boes. Bei der Frühjahrsversammlung im Haus Tolles wurde das Leitungsgremium mit dem ersten Geschäftsführer Guntram Thiele und seinem Stellvertreter Peter Platz komplettiert Und noch jemand konnte an diesem Märzsonntag den 250 Mitgliedern vorgestellt werden: Der neue Präses, Pastor Paul Jonen. Nicht alle Neuigkeiten waren an diesem Morgen so gut. Mit besonders viel Murren nahmen die Traditionshüter die Nachricht von der Erhöhung des Bierpreises auf. 0,2 Liter Gerstensaft sollten zum Schützenfest jetzt 50 Pfennige kosten. Hingegen regten sich gegen die Erhöhung der Mitgliedsbeiträge kaum Widerstände. Eine Mark pro Monat zahlten nun die Aktiven, während Passive 25 Mark Jahresbeitrag zu entrichten hatten.

Der Rhein tat es danach den Preisen und Gebühren gleich: Er kletterte. Unglücklicherweise kurz vor dem Schützenfest, so daß es zunächst so aussah, als könne nicht auf den Rhein wiesen gefeiert werden. Doch Jakob Zell besorgte sich wie schon bei der Platzerweiterung in den 60er Jahren eine Raupe und planierte das morastige, arg lädierte Gelände. So konnte Stürzelberg doch zum 102. Male das Traditionsfest begehen, worüber sich besonders behinderte Kinder freuen durften. Trotz der allgemeinen Teuerung kamen bei einer Zeltsammtung 330,30 Mark zusammen, die an die Aktion Sorgenkind überwiesen wurden. Dieser schönen Nachricht folgte eine Woche nach dem Fest eine schreckliche: Georg Lerch, Schützenkönig 1970 und als Bürgermeister mittlerweile von Hannelu Manitz abgelöst, war im Neusser Sankt-Etienne-Krankenhaus an den Folgen einer Krankheit erlegen. Viele AIoysianer kamen in Uniform zur Beerdigung, um von einem Mann Abschied zu nehmen, der viel für ihre Gemeinschaft und für den Ort geleistet hatte.

 

Dieser änderte in den folgenden Monaten zunehmend sein Gesicht Das Straßennetz wurde Verbessert das Rohrleitungssystem -schon seit langem ein Kritikpunkt der Stürzelberger an die Verwaltung- wurde erweitert und renoviert die Grundschule erhielt ein neue Pausenhalle und in der Pfarrkirche Sankt AIoysius wurde zum erstenmal eine Beatmesse gefeiert Das Thema des Jahres war aber das neue Hallenbad, das Stürzelberg bekommen sollte. Ende Februar 1971 wurde auf dem an das Schulgebäude grenzende Baugelände der Grundstein für das 1,6 Millionen Mark teure Schwimmbadprojekt gelegt. Die Vorfreude auf die Sport- und Freizeitstätte war an diesem Tag ebenso groß wie später die Enttäuschung, als sich das Bad als baulicher und finanzieller Flop entpuppte.

Ein Fest der Neuerungen feierten die Schützen in der ersten Augustwoche. Premiere hatte beispielsweise der Bierpreis, der in einem Jahr um einen weiteren Groschen auf 60 Pfennig geklettert war. Neu waren aber auch das Gästekönigschießen, bei dem eine Drei-Liter-Flasche Weinbrand als Preis ausgesetzt war. Premiere hatte ebenfalls die Lautsprecheranlage, mit der Zelt- und Außenveranstaltungen besser verständlich gemacht wurden.

Zum erstenmal gab es einen Wanderpokal für die schönste Großfackel. Die Jäger von Wildschütz sicherten sich für ihre Fackel über,,Heini und Döros“ als erster Zug überhaupt den Preis. Die Bewertung der selbstgefertigten Leuchtkörper sollte den Anreiz erhöhen, Fackeln zu bauen. Dies zu intensivieren, war eines der erklärten Ziele des Vorstandes, der sich nach dem Fest seines ,,Chefs" beraubt sah. Jakob Zell war nämlich Schützenkönig geworden. Für ihn hatte sein Stellvertreter Fritz Boes die Aufgaben des Brudermeisters übernommen. Mit der lokalen Herrschaft allein war die neue Majestät nicht zufrieden. Beim Wettkampf aller Könige des Bezirksverbandes siegte der Stürzelberger ebenfalls und machte seinen Heimatort damit automatisch zum Gastgeber des kommenden Bezirkstages. Dieser war aber nicht Schuld daran, daß die Traditionshüter schon wieder tiefer in die Taschen greifen mußten.

Nur eineinhalb Jahre nach der jüngsten Erhöhung beschloß die Generalversammlung, die Beiträge erneut heraufzuschrauben, so daß die Marschierer ab 1972 18 Mark im Jahr zu entrichten hatten. Einer der Gründe für solche Erhöhungen war neben der allgemeinen Teuerung, die Zerstörung von Vereinseigentum. Die mutwilligen Beschädigungen des Vereinsinventars müssen Anfang der 70er Jahre ein recht großes Ausmaß angenommen haben, denn Bauunternehmer und Schützenbruder Hermann Schmitz erklärte sich bereit, einen Lagerraum zur Verfügung zu stellen, damit die Besitztümer der Gemeinschaft nicht ganz kaputtgemacht wurden. Natürlicher Verschleiß war es hingegen, der die Anschaffung einer neuen Büchse für den Vogelschuß notwendig machte. Neben Heimat- und Patronats fest sowie Oberstehrenabend hatten 1972 viele Aktive noch eine weitere Feier in ihrem Kalender eingetragen. Es war die Goldhochzeit von Heinrich und Sophia Richrath (geb. Schröder). In Scharen kamen die Traditionshüter zur Schulstraße. Der langjährige Königsadjutant Heinrich Richrath, Jahrgang 1889, war einer der treibenden Kräfte im Stürzelberger Schützenwesen. Nach dem zweiten Weltkrieg zum Beispiel war er wie auch Franz Schmitz, einer derjenigen, die sich intensiv um die ,, Wiederbelebung" der Brauchtumspflege bemühten und dabei selbst Verantwortung übernahmen. Er war 1947/48 erster König nach dem Krieg und sorgte dafür, daß kurz nach seinem Ehejubiläum auch die Sappeure feiern konnten. Die wurden 25 Jahre alt und fühlten sich Heinrich Richrath, der ihre Gründung anregte, verbunden. Zum Silberjubiläum kam eigens Bundesmeister Ludwig Krekeler in den Rheinort um die Bezirkskönigsstandarte an Hans Schnitzler, den Sprecher der Sappeure, zu übergeben. Im Oktober war Krekeler dann wieder Gast. Diesmal zum Schießen aller gekrönten Häupter des Schützenbezirks.

Vier Jahre nach dem 100jährigen, war die Bruderschaft somit wieder Gastgeber und Organisator einer größeren Veranstaltung. Deren Gäste wurden schon zur Eröffnung überrascht: Einen Sektempfang hatte es bisher beim Bezirkskönigsschießen noch nie gegeben, ebensowenig eine so perfekte Betreuung aller Besucher. Peter Brand, Ex-Bürgermeister aus Nievenheim lobte: ,,Alles was recht ist, die Stürzelberger haben sich wirklich angestrengt", und Ludwig Krekoler erkannte ,,eine sichtbare Steigerung des Festes durch die Stürzelberger“.

 

Die beobachteten bereits seit einiger Zeit scherzend bis verärgert, was mit dem Hallenbad passierte. Traditionell nahmen die Fackelbauer lokales Geschehen gerne auf die Schippe. und so belustigten sich die Solide Jonge über die nicht fertig werdende Sportstätte im Ortskern. Die ,,Verweigerung von Subventionen durch den Kreis Neuss" machte der Zonser Oberbaurat Reinhold Schwarz dafür verantwortlich, daß das Richtfest immer wieder verschoben werden mußte. Schließlich klappte es dann doch noch: Im Sommer 1973 sprang Hannelu Manitz als erste in das mit 800 Kubikmeter Wasser gefüllte Bad, das mit zwei Millionen Mark Kosten um 400.000 Mark teurer wurde als ursprünglich geplant Doch die Probleme mit der Freizeiteinrichtung sollten jetzt erst richtig beginnen.

 

Ärger mit dem Wasser hatten die Bürger auch ohne das neue Objekt. Der Druck in den Wasserleitungen für die Haushalte war so stark abgefallen, daß es aus einigen Hähnen nur noch tröpfelte und Durchlauferhitzer nicht mehr ansprangen. Die NGZ berichtete über aufgebrachte Mütter, die sich bei der Stadtverwaltung darüber beschwerten, daß sie ihre Kinder nicht mehr waschen konnten. Dennoch präsentierten sich die Stürzelberger zur 600- Jahrfeier der Stadt Zons zum einen sauber und zum anderen in so großer Zahl, daß der Zug Wildschütz auf seiner Fackel bemerkte: ,,Beim Stadtjubiläum stellten 400 Stürzelberger, 100 Holländer und ein Zonser das Gros des Festzuges". Wie man Marschierer nicht nur für den Nachbarort sondern auch für den eigenen Umzug motiviert, zeigte der Generaloborst Peter Malzkorn. Als der Grenadierzug Heimatfreunde vor dem Fest ankündigte, aus Altersgründen nicht mehr die Umzüge mitzugestalten und sich aufzulösen gedenke, konterte der Regimentschef mit Hinweis auf das Hobby der Schwarzfräcke: ,,Wer kegeln kann wie ein 17jähriger der kann auch beim Schützenfest mitmarschieren.“ Das überzeugte die Grenadiere. Sie blieben noch drei weitere Jahre zusammen. So erlebten sie auch sozusagen ,,live" den Auftritt der späteren Bundestagspräsidentin Annemarle Renger die 1973 zum erstenmal am Gästekönigschießen teilnahm. Während sie und die anderen Gäste auf ein traditionelles Holztier schossen, gab es vordem Königsschießen eine Überraschung. Über Nacht hatte der Vogel auf dem Schießstand auf dem Grundstück von Richard Krause Federn bekommen. Mit Alleskleber und einer Kissenfüllung hatte ein Zug das Tier im Schutz der Dunkelheit dergestalt verziert.

 

Etwas ernster ging es da schon bei einem anderen Schießprojekt der Bruderschaft zu. Bereits beim Patronatsfest ein Jahr zuvor hatte der Vorstand angeregt, einen Flachschießstand zu errichten. Mittlerweile waren entsprechende Anträge an den Stadtdirektor Jean Schmitz, den Schirmherrn des 100jährigen Jubiläums, ergangen. Außerdem hatte man auf Anregung von Christian Feiser ein Sonderkonto eingerichtet, das zur Finanzierung der auf 30 x acht Meter konzipierten Anlage dienen sollte. Dem Projekt stand der Stadtrat im Prinzip positiv gegenüber. Er sagte zu, ein entsprechendes Grundstück in Erbpacht zur Verfügung zu stellen. Außerdem bemühte sich die Bruderschaft, einen neuen rechtlichen Status zu bekommen und die Eintragung in das Voreinsregister beim Amtsgericht Neuss zu erreichen. Um die Gemeinnützigkeit zu erlangen, mußte die Satzung geändert werden. Diesen Änderungen stimmte am 1. April 1974 die Vollversammlung zu. Augen fähigste Neuerung: Der Vorstand war ab jetzt mit elf Personen besetzt.

 

Diese setzten sich zunächst einmal mit den Chargierten zusammen, um einen Mißstand aus der Welt zu räumen. Einst war der Schützenfestmontag im Zelt eine der Attraktionen, zu der die auswärtigen Besucher, darunter viele mit dem Drahtesel, zum Platz auf den Rhein wiesen drängten. In den zurückliegenden Jahren verblaßte der Glanz früherer Tage, mit ihm die Stimmung und der Besucherstrom. Mittlerweile war des montagvormittags so wenig los, daß der Wirt sogar drohte, nicht mehr sein großes Zelt zur Verfügung zu stellen. Der Grund für die Leere war, daß die Züge lieber in ihren Wachlokalen blieben, statt sich unterhalb des Kapellenberges zu treffen. Also redete der Vorstand den Offizieren ins Gewissen, ihre Truppe in das Zelt zu holen. Als zusätzlichen Anreiz beschloß man außerdem, kostenlos Erbsensuppe am Montag auszuschenken. Diese Idee kam an. Bei der Premiere im August 1974 gingen rund 250 Liter deftigen Eintopfs in die hungrigen Mägen zahlreicher Zeltbesucher.

Während sich dieses Problem relativ einfach lösen ließ, tauchte ein anderes in der Bruderschaftsgeschichte immer wieder auf. Der Termin des Schützenfestes, der sich so oft mit dem der großen Schulferien kreuzte. Selbst seitdem das Heimatfest vom September, dem ursprünglichen Datum, auf den August vorverlegt worden war gab es häufiger Beschwerden oder Anregungen, einen anderen Zeitpunkt zu wählen. Diesmal hatte die Jägerkompanie einen entsprechenden Antrag gestellt. Sie forderte, das Fest in die Zeit um den 17. Juni vorzuverlegen. In der Begründung des Antrages hieß es, daß ,,dieser Feiertag über kurz oder lang so wieso abgeschafft wird." Damit hatten die Grünröcke nicht unrecht, wenn es auch noch 16 Jahre dauern sollte, bis der Tag der deutschen Einheit auf den 3. Oktober verlegt wurde. Ihr Vorschlag führte dennoch dazu, daß die Termingestaltung erneut gründlich überdacht wurde. Bei der Abstimmung fanden sich letztlich nur 16 Schützen, die dem Begehren auf Vorlegung zustimmten. Der allergrößte Teil folgte der anderen Sichtweise, die zwar die Reisezeit als Grund für Absentia anerkannte, aber andererseits auch unterstrich, daß wegen der Ferien die Eltern vom morgendlichen Weck- und Bringdienst für den schulpflichtigen Nachwuchs entbunden seien und folglich auch schöner Schützenfest feiern konnten. Gar keine Anhänger fand die Idee, wieder zurück in den September zu gehen. Die unberechenbare Witterung und damit verbundene wirtschaftliche Gründe ließen den Monat als zu ungünstig erscheinen.

 

Ohne Diskussionen einigten sich die Schützen, den Schießstand an der Oberstraße, um den sich ab jetzt Adolf Peters kümmern sollte, einzuzäunen. Der Eingang sollte am Leinpfad sein. Es gab im September 1974 ein „Silbernes" zu feiern.: Der Jägerhauptmannszug (,,Alde Jäger'; unter Zugführer Erhard Gassan wurde ein Vierteljahrhundert alt. Die nach dem Krieg gegründete Vereinigung marschierte erstmals 1949 im Regiment mit.

 

Zusammen mit der Turngemeinde, die Mitte der 70er ungefähr 300 Mitglieder zählte, waren die AIoysianer größter Verein des Ortes. Das hieß allerdings nicht, daß Traditionshüter nicht noch anderweitig engagiert waren. So stürmten Schützenbrüder beispielsweise mit, als ein Fußballspiel im Februar 1975 zum Publikumsmagnet wurde. Mehr als 4.000 Besucher kamen auf die Sportanlage der Rheinwacht, als die örtlichen Hobby-Kickers gegen ein Team der bekannten Popgruppe ,,Los Humphries Singers'. antraten. Trotz der Tore von Wolfgang Hannemann und Ralf Weiß sowie eines kämpferischen zweiten Geschäftsführers der Bruderschaft, Guntram Thiele, siegten die musikalischen Gäste mit 4:2. Doch eigentlicher Gewinner war die ,,Aktion Sorgenkind" für die 14.000 Mark durch die Veranstaltung der Hobby-Kickers zusammenkamen. Fußballerfolge im Meisterschaftswettbewerb vermeldete auch die Rheinwacht, die als Meister ihrer Gruppe in die erste Kreisklasse aufstieg.

Derweil waren in der Bruderschaft verstärkte Bestrebungen im Gange, die Nachwuchsarbeit zu intensivieren. Schon Anfang des Jahrzehnts hatte Edelknabenführer Willi Busch um größere Unterstützung für die jüngsten Mitglieder des Regimentes gebeten und davor gewarnt, die Jugendarbeit zu vernachlässigen. Seine Mahnung blieb nicht ungehört, denn in der Folgezeit wurden verschiedene Initiativen zur Förderung des Nachwuchses unternommen. Eine besonders augenfällige Aktion starteten Wilfried Schellen und Adi Gassan. Beide organisierten im Sommer ein Mini-Schützen fest ausschließlich für die jungen Mitglieder. Ein Jahr später gab es die Premiere des Jungschützen-Pokalschießens (bester war dabei Wilfried Bergers), mit dem sowohl der Nachwuchs als auch der Schießsport gefördert wurde. Bei den etwas älteren Marschierern vermeldeten die Chronisten 1975 ebenfalls ein Novum: Stürzelberg bekam zwei Schützenkönige.

 

Während Karl-Heinz Weinforth den Holzvogel bei den AIoysianern zu Boden holte, schoß Manfred Kruse, ebenfalls im Rheinort lebend, den Königsvogel bei den Hubertianern in Zons, wo er bei den Sappeuren mitmarschierte, von der Stange. So kam die Zollstadtmajestät nach 1744, als Josef Hendrik Falkenberg das Schießen gewann, zum zweiten mal aus dem Nachbarort. Dieser gehörte seit dem 1. Januar nicht mehr der ehemaligen Stadt Zons, sondern der neugebildeten Stadt Dorma gen an, der Bürgermeister Dr. Gustav Goldmacher vorstand. Er war auch dabei, als im November das rund 700.000 Mark teure neue katholische Pfarrzentrum an der Oberstraße in Dienst gestellt wurde. Zwar waren mit der Realisierung der kommunalen Neugliederung neue Zeiten angebrochen, doch neue Sitten gab es bei den Schützen deshalb nicht Bei einer Versammlung der Bruderschaft wurde heiß diskutiert, ob Frauen aufgenommen werden sollten. Der Gedanke an eine weibliche Majestät schreckte wohl zu sehr, denn nur zwei Männer votierten in der Abstimmung dafür daß auch Damen als Passive ins Regiment eintreten konnten. Abgelehnt wurde von der Mehrheit aller Schützen auch ein Gedanke, der nach der Fertigstellung der NATO-Rampe wieder aufgewärmt wurde. Dabei ging es um das Kriegerdenkmal an der Oberstraße. Der Bezfrksausschuß debattierte heftig darüber, ob das Ehrenmal, jetzt in unmittelbarer Nähe der militärischen Einrichtung gelegen, noch am richtigen Platz stehe. Ein Standort am Friedhof oder an der Jahnstraße, so wurde im politischen Raum vorgeschlagen, sei möglicherweise besser. Ein solcher Plan war 15 Jahre zuvor, also 1961, schon einmal aufgekommen. Damals sperrte sich die Mitgliederversammlung der Traditionshüter gegen dieses Begehren. Nämliches taten sie nun erneut, und die Kommunalpolitiker schienen auf den Entschluß zu hören, denn nach wie vor steht das Kriegerdenkmal an seinem angestammten Platz. Einen solchen hatte auch, wie erwähnt, Willi Busch und zwar als Edelknabenführer Dieses Amt konnte er aus beruflichen Gründen nicht mehr besetzen. Deshalb wäre das ’76er fast das erste Schützenfest im zweiten Vereinsjahrhundert gewesen, in dem die Kleinsten des Regimentes nicht mitgemacht hätten. Mit Wilfried Gassan fand sich doch noch jemand, der die Edelknaben ins Fest und darüber hinaus führte.

Gedanken machte man sich nicht nur um diese lnterna. Schon seit einiger Zeit gab es zwischen verschiedenen Vereinen und Bruderschaften Gespräche, die auf die Gründung eines Dachverbandes innerhalb der Stadtgrenzen Dormagens abzielten. Jakob Zell, Walter May und Armin Manitz wurden beauftragt, in dieser Sache die Interessen der Stürzelberger zu vertreten. In der Gaststätte Vater Rhein trafen sich am 26. April 1977 alle Brudermeister, Vorsitzenden und Präsidenten der Traditionsvereinigungen, um über die Gründung des Stadtverbandes der Schützen zu beraten. Bei dieser ersten Zusammenkunft konnte noch kein Gründungsbeschluß gefaßt worden, da die Finanzierung der Gemeinschaft nicht ausreichend geklärt war. Ein halbes Jahr später waren die Weichen gestellt, und fast alle Dormagener Schützengemeinschaften traten dem neuen Stadtverband bei. Die Stürzelberger gehörten von Anfang an dazu. Dies erlebte allerdings Adolf Gierling nicht mehr. Der Schießmeister und langjährige Kassierer (25 Jahre übte er dieses Amt aus) verstarb nach 50jähriger Zugehörigkeit zur Bruderschaft im März des Jahres. Er hatte noch die Beiträge sozusagen ,,von Hand“. Kassiert. Ein Usus, der jetzt aus der Mode kam, denn nun bot man erstmals die Möglichkeit des bargeldlosen Einzahlungsverkehrs.

Neben der Inbetriebnahme des neuen Feuerwehrdomizils, gab es 1977 noch ein weiteres festliches Ereignis, das die Schützen unmittelbar betraf. Es handelte sich um den 90. Gründungstag des Tambourcorps, den die Spielleute unter der Schirmherrschaft von Dr. Günther Mathar drei Tage lang feierten. Eine eigene kleine Kirmes lockte, und es wurde an die Gründer Wilhelm Jenen und Franz Lengerich, die das Corps 1887 ins Leben riefen, und an die in den 90er Jahren hinzugekommenen Josef Berchem und Heinrich Richrath erinnert. Nach dem zweiten Weltkrieg war Josef Stamm eine der treibenden Persönlichkeiten und Erneuerer des Corps gewesen. Zum 90jährigen Bestehen erinnerte der Vorsitzende Addi Becker daran, daß bisher schon acht Schützenkönige aus Reihen des Spielmannszuges, der traditionell mit den Traditionshütern eng verbunden ist, kamen.

Beim Oberstehrenabend dieses Jahres hatte General Peter Malzkorn doppelten Grund zur Freude. Er wurde von Brudermeister Jakob Zell zum Generaloberst befördert und errang nachmittags beim ,,Franz-Schmitz-Gedächtnisschießen" den Pokal.

In einem etwas kleineren Rahmen feierten die Hubertusschützen. Die zu dieser Zeit fünf Züge mit 49 Marschieren zählende Kompanie weihte unter Major Heinz Richrath die neue Kompaniefahne ein, sang dabei die ,,Nationalhymne" der Corps, nämlich das Kufstein-Lied.

Vorstandsmitglied Armin Manitz hatte die Kompanien einmal als ,,kleinste Kommunikationszellen innerhalb der Bruderschaft" bezeichnet. Eingebunden in die gesamte Schützenfamilie bewahrten die einzelnen Corps jederzeit ihre eigene Identität und Dynamik. Ein Beispiel dafür sind die Familienabende, für die Jägerkompanie mindestens ab 1913 belegt Diese geseillgen, zwanglosen Veranstaltungen avancierten in den einzelnen Grupperungen zu Höhepunkten im jährlichen Veranstaltungskalender und gaben nicht selten Anlaß für Humoriges. Beim Krönungsabend der Hubertuskompanie zum Beispiel bekam das amtierende Königspaar Ulla und Heinz Stamm ein von Brudermeister Zell gebasteltes Birnenpflückgerät überreicht. Eine Anspielung auf das Hubertusschießen, bei dem Stamm vergeblich versucht hatte, die Früchte eines angrenzenden Obstbaumes per Hand zu erhaschen. Die Grenadiere steuerten in diesem Jahr auch ein Schieß-Anekdötchen bei: Beim Weitkampf um die Würde des CorpsKönigs waren es die Zylinderträger nach drei Stunden leid. Vollgepumpt mit Blei war der Holzvogel immer noch nicht zu Boden gefallen. Kurzerhand wurde dreifach stärkere Munition eingelegt und mit Karl-Heinz Lutz doch noch ein neuer Kompanieherrscher beim Marathonschießen ermittelt. Ideen aus den Corps gab es auch auf sportlichem Gebiet: Die Hubertianer waren Mitinitiator des seit 7976 ausgetragenen Fußballturniers der Züge.

 

Während das Leben in den Kompanien sehr gesellig vorlief, mehrten sich 1978 auf den Stirnen der Vorstandsmitglieder, speziell bei denen, die mit der Finanzverwaltung betraut waren, die Sorgen falten. Was beim Fest zum 25jährigen Priesterjubiläum des Präses Paul Johnen im Februar zunächst nur hinter vorgehaltener Hand als Befürchtung geäußert wurde, gipfelte bei der Versammlung im April in bittere Realität: Die Kosten für die Musik drohten den Rahmen des finanziell Machbaren zu sprengen. Die Musiker verlangten um die 40 Prozent mehr an Entgelt Trotz der guten Kassenlage, die Schatzmeister Gerhard Schröder an diesem Sonntagmorgen vermelden konnte, wären solche Steigerungsraten für die Bruderschaft nicht mehr bezahlbar gewesen, zumal man gerade erst den Beschluß gefaßt hatte, ein Schützenhaus zu bauen (Zum Thema „Schützenhausbau" siehe eigenes Kapitel in dieser Chronik, Anm. d. Autors). Die Explosion im Bereich der Musikkosten, die sich bisher um die 15.000 Mark pro Fest bewegten, ließ sich auf die Forderungen der Finanzämter zurückführen, die ihrerseits die Instrumentalisten und ihre Kapellen zur Kasse baten. Die Einkünfte der Musiker aus den Schützenfesten waren nun voll zu versteuern. Diese Forderungen versuchten die Kapellen auf die Vereine umzulegen. In diesem Zusammenhang hatte der Stadtverband der Schützen bereits abgeraten, langfristige Vorträge mit den Kapellen abzuschließen, da die weitere Entwicklung der Situation nicht abzusehen sei.

,,Die Verträge können zur Schlinge worden, mit der wir uns selbst erhängen," orakelte der gerade in seinem Amt bestätigte Brudermeister Zell. Bevor man an dem auch ohne die Teuerung schon größten finanziellen Batzen zu ersticken drohte, wollte man lieber Kompromisse suchen. Jakob Justonhevon schlug vor, auf den Parademarsch zu verzichten und stattdessen vermehrt Tambour- und Fanfarencorps zu engagieren. Andere regten an, günstigere Kapellen aus dem Ausland zu verpflichten. Vorgeschlagen wurde sogar, mit Ausnahme der Tanzmusik und der Tambourcorps, ganz auf akustisches Programm zu verzichten. Was blieb, war zum einen der Vorsatz zu sparen, woeben es nur ginge, auch auf einige Engagements zu verzichten, zum anderen auf prominente Hilfe aus Bonn zu hoffen. Der Neusser Bundestagsabgeordnete Heinz Günther Hüsch, 1971/72 selbst Schützenkönig der heutigen Kreisstadt, hatte sich der Sorgen der Festveranstalter angenommen. Sein Vorschlag an die Finanzämter, die Entgelte der Musikanten als Aufwendung für Notenmaterial, Fahrtkosten, Uniformen und Instrumente zu bewerten, ließ sich zwar in Teilen tatsächlich realisieren, doch unter dem Strich stand für die Stürzelberger wie für alle anderen Schützenvereine ebenso ein Anstieg der Musikkosten, die sich im Laufe der folgenden Jahre bis um die 30.000 Mark hochschraubten. Die Stürzelberger mußten schon für das kommende Fest 25 Prozent mehr Kosten kalkulieren.

Die finanziellen Sorgen der hiesigen Schützen verblaßten jedoch hinter einem anderen Thema, das in diesem Jahr die Gemüter bewegte und für Zündstoff im Ort sorgte. Aus dem VAW-Betrieb wurden Fluorid-Emissionen festgestellt, die, so die Befürchtung der Bürger, verantwortlich für das Absterben von Pflanzen seien und gesundheitliche Schäden bei Menschen hervorrufen könnten.

Kommunalpolitiker, Umweltschützer und Verantwortliche der VAW einigten sich schließlich auf Schutzmaßnahmen, unter anderem auf die Installation von Filtern in den Schornsteinen des Unternehmens.

 

Erfreulicheres gab es aus der Jägerkompanie zu berichten. Herbert Milz und Jakob Justenhoven präsentierten die restaurierte Jägerfahne, die der damalige Jägermajor und spätere Oberst Peter Malzkorn 1879 gestiftet hatte. Lange Jahre galt die Fahne als verschollen, bis sie 1964 in einem Mehlsack bei Johann Deoren auf der Schulstraße wiederentdeckt wurde. Von der ursprünglichen Breite von 175 Zentimetern konnte allerdings nur noch ein Meter im Quadrat gerettet werden. Nach der Restaurierung wurde die Fahne in seidene Crepeline eingefaßt und wird im Schützenhaus aufbewahrt

 

So positiv sich das Loben innerhalb der Bruderschaft entwickelte, so dunkler wurden die Wolken, die von außerhalb kommend über die Vereinigung zogen: Die nächste finanzielle Hiobsbotschaft kursierte bereits. Das Musikkostenproblem war so gut wie möglich geregelt, und die Schützen konnten dem ganzen sogar eine humorige Seite abgewinnen. Da titelten beispielsweise die Selde Blömcher auf ihrer Großfackel über den musikbegeisterten Adjutanten des Grenadierhauptmannzuges: ,,Frohsinn Norf ist ausrangiert, Martin Meuther dirigiert ,, So schlimm war die Lage noch nicht, daß die Marschierer selbst zum Dirigentenstab greifen mußten. Doch wie erwähnt, das nächste Unheil lag schon in der Luft, und die wehte aus Delhoven Richtung Rhein. Der Delhovener BSV war Anfang 1979 der erste Schützenverein der Region, dem ein Zahlungsbescheid vom Finanzamt ins Haus flatterte. 17.000 Mark an Steuern sollten die Traditionshüter nachzahlen. Die Steuerbehörden hatten begonnen, den Vereinen Körperschafts-, Umsatz-, Vermögens- und Gewerbesteuer abzuverlangen, sie damit Geschäftsbetrieben gleichzustellen. Das, was den Delhovenern aufs Vereinssäckel drückte, drohte auch allen anderen.

 

Der erste Vorsitzende des Stadtverbandes der Schützen, Günter Behrend aus Delrath, befürchtete ob der Forderungen des Staates: ,,Dann gehen unsere Feste sehr rasch in die Binsen." Verständlich, daß bei der Versammlung der Aloysianer das Thema Geld für viel Gesprächsstoff sorgte, zumal der zweite Kassierer, Bernhard Wagener, im Herbst rote Zahlen bekanntgeben mußte. Alles Rechnen nutzte nichts: Die Beiträge mußten erneut erhöht werden. Sie kletterten für Aktive von 18 auf 28 Mark, für Passive von 30 auf 40 Mark jährlich.

Trotz angespannter Kassenlage blickte man dennoch optimistisch in die Zukunft Das belegt die Entscheidung, die am 9. April in der Gaststätte Krämer (das Lokal ,,Vater Rhein" war zu dieser Zeit an Edgar Krämer verpachtet) getroffen wurde. Dort sprach sich die Versammlung definitiv für den Bau eines Schützenhauses aus. In finanzieller Hinsicht positiv überrascht wurden die Anwesenden an diesem Morgen durch Architekt Gerhard Justenhoven. Er verzichtete auf sein Honorar für die Planung des Hauses, ersparte der Bruderschaft somit rund 30.000 Mark. Zukunftsweisend war auch der Vorschlag von Siegfried Zint, der formell die Erweiterung des Kirmesplatzes an den Rheinwiesen in Richtung Osten beantragte. Bestärkt, trotz der mauen Kassenlage vorwärts zu schauen, wurde man durch den Mitgliederboom. Begründet sowohl durch den Eintritt vieler Neubürger als auch durch das wiedererwachte Interesse der Jugend - sicher auf die gesteigerten Aktivitäten der Bruderschaft im Nachwuchsbereich zurückzuführen - kletterte die Zahl der Mitglieder auf rund 400. Das Interesse am Stürzelberger Schützen wesen blieb nicht nur innerörtlich. Als Jakob Justenhovon im Sommer die Königswürde errang war erstmals eine Delegation von der Mosel zu Gast Die Besucher aus dem Weinstädtchen Zell brachten dem gleichnamigen Brudermeister ein Fäßchen Rebensaft mit an den Niederrhein. Sie zeigten sich begeistert von der hiesigen Art des Feierns. Damit sollte jedoch, was den Festplatz am Rhein betrifft, erst einmal Schluß sein. Das, was bei der Lage des Geländes in unmittelbarer Nähe des größten deutschen Stromes schon immer drohte, sollte 1980 traurige Wahrheit werden. Überschwemmung im August. Es hatte im Juli nicht geregnet, es hatte gegossen; nicht tage-, sondern wochenlang. Noch eine Woche vor dem geplanten Festbeginn schaute sich Dormagens Stadtdirektor und Deichgräf Paul Wierich das Terrain unterhalb des Kapellenberges an.,, Wenn das Wasser nicht mindestens um 50 Zentimeter fällt, sieht es mit dem Schützenfest schlecht aus," konstatierte der Dormagener Verwaltungschef. Ein zunächst ins Auge gefaßter Umzug unterhalb der Oberstraße mußte wieder verworfen werden, ebenso der Standort auf dem Kapellenberg selbst, da in beiden Fällen die Verkehrsproblematik nicht hätte gelöst werden können. Angesichts des ersten Sommerhochwassers seit hundert Jahren und mit Blick auf die „Insel" Strandterrasse fürchtete König Jakob schon: ,,Dann müssen wir oben auf dem Schiff feiern." So weit kam es dann doch nicht. Wenige Tage vor dem Fest gab Geschäftsführer Walter May bekannt, daß erstmals in der 112jährigen Voreinsgeschichte Schützen und SchausteIler ihre Zelte auf einem abgeernteten Feld an der Arenzheide aufstellen würden. Als ob Petrus all den Ungemach durch das Regenwetter mit einem Schlage vergessen machen wollte, brannte die Sonne gnadenlos heiß aus azurfarbenem Himmel, als das Regiment zum Aushilfsstandort marschierte. Rechtzeitig hatten sich Oberst, Adjutanten und Kompanieführer auf die geänderte Streckenführung eingerichtet Trotz vieler Improvisationen wurde es ein gelungenes Fest. Als im Nachhinein die Besucherzahen ermittelt wurden, stellte sich her­aus, daß trotz der kurzfristigen Umlegung nur 17 zahlende Gäste weniger gekommen waren als im Vorjahr. Daß alles glatt und mit bekannter Attraktivität verlief lag mit Sicherheit auch daran, daß die Schützenden staunenden Besuchern etwas geradezu revolutionäres beim Festkommers präsentieren konnten: Das neue Stürzelberger Wappen. Gestiftet hatten es Jakob und Käthe Justenhoven. Der Entwurf stammt von Heinrich Meuther, die heraldische Beratung übernahm Dr. Rolf Nagel (Hauptstaatsarchiv Düsseldorf) und die Grafik steuerte schließlich der Heraldiker Dr. Ulf-Dietrich Korn aus Münster bei. Er hatte auch das Hoheitszeichen der neuen Stadt Dormagen gestaltet, kannte sich mit den örtlichen Gegebenheiten und der Historie also qut aus. Das an diesem Morgen von Heinrich Meuther auf der Bühne vorgestellte Wappen war in seiner Symbolik und seinem geschichtlichen Bezug wohl durchdacht. Im oberen linken Feld ist das kurkölnische Kreuz zu sehen. Das schwarze Christussymbol dokumentiert die mittelalterliche Zugehörigkeit des Ortes zu Kurköln. Diagonal zieht durch das Wappen ein silberner Wellenbalken als Symbol des Rheines, Zeichen für die Verbundenheit mit dem Fluß, der bis in die Jetztzeit Ernährer der Bevölkerung und Garant für Arbeit war. In unmittelbarem Zusammenhang mit dem Strom steht der Anker, der zum einen auf die Schiffahrt, zum anderen auf die Funktion Stürzelbergs als Anlege- und Umschlagstation hinweist. Eine weitere wirtschaftliche Stütze des Dorfes war nämlich die Landwirtschaft. Sie findet sich im Wappen in der grünen, den Ackerbau andeutenden Fläche wieder. Der Schwan im unteren Teil weist auf die ,,Schwanenburg" hin. Dieses für Stürzelberg lange Zeit charakteristische Gebäude wurde als Gasthaus genutzt und war eine zentrale Anlaufstelle für Fruchthändler, bis es 1945 zerstört wurde. Als letztes Zeichen findet sich schließlich die stilisierte Hochwassermauer. Auch hier besteht wieder der direkte Bezug zum Rhein, diesmal versinnbildlicht im Bedürfnis nach Schutz, den die Mauer gewährt, die die Gewalt des Flusses bannte und die Sicherheit der Menschen dahinter garantierte. So einsichtig und trefflich die Symbole auch gewählt wurden - die Väter des Entwurfes sind nicht diejenigen, die darüber zu entscheiden haben, ob dieser als Wappen angenommen oder abgelehnt wird. Deshalb schickte man im Anschluß an das Heimatfest das Sinnbild Stürzelbergs zusammen mit einem Antrag auf Anerkennung nach Berlin. In der Bundeshauptstadt residiert der Herolds-Ausschuß der Deutschen Wappenrolle. Dieses Gremium prüft alle Vorschläge auf historische Richtig- und Einmaligkeit und entscheidet dann. ob das Wappen als solches auch geführt werden darf. Viereinhalb Jahre nach der Vorstellung beim Festkommers in der Arenzheide, genau am 26. März 1984, bestätigte der Herolds-Ausschuß die Gültigkeit des Stürzelberger Wappens. Der Schützenbruderschaft wurde der Wappenbrief überstellt Sie durfte nun ganz offiziell das Wappen einsetzen. Dieses zu kreieren stieß wohl in eine echte ,,Marktlücke", denn schon kurz nach der ersten Präsentation wurde das Symbol immer wieder verwandt: Auf Fahnen, auf Vereins­ oder privaten Briefköpfen, als Fensterschmuck oder als (Auto-) Aufkleber, als Schnitzwerk und als Bierglaszier. Zu denen, die das Wappen am Festsonntag bestaunten, gehörte der jüngste Bürgermeister Nordrhein-Westfalens, Peter-Olaf Hoffmann. 31jährig hatte das aktive Mitglied im Regiment im Jahr zuvor die Position des ersten Mannes der Stadt Dormagen übernommen, nachdem sein Vorgänger, der erste Bürgermeister nach der kommunalen Neugliederung, Dr. Gustav Goldmacher, unerwartet verstorben war.

 

Eine ehemalige Bürgermeisterin überraschte im Herbst die Männerdomäne „Schützenwelt". Während die ehemaligen Könige bereits seit 1977 regelmäßig zusammenkamen um den ,,König der Könige" am Schießstand zu ermitteln, hatten die Damen der Ex-Majestäten keinen festen Termin für ein jährliches Treffen. Das wollte Hannelu Manitz nun ändern, lud die 25 noch lebenden ehemaligen First Ladies ein und ehrte sie mit kleinen Orden für die Repräsentationsaufgaben. Eine etwas größere Auszeichnung gab es für die aktuelle Herrscherin. Ihr Orden sollte von nun an die jeweilig neue Königin weitergegeben worden. Ein Jahr später standen die Damen sogar am Schießstand um ihrerseits die ,,Kaiserin" im Wettkampf zu ermitteln.

Gute Nachricht kamen zum Ende des Jahres 1980. Nach eingehender Prüfung der Wünsche und Vorstellungen zur beabsichtigten Erweiterung des Festplatzes gab Oberkreisdirektor Dr. Paul Edelmann sein Einverständnis zu den Plänen. Dadurch rückte das Festzeit näher in Richtung des Weges, der zur Strandtorrasse führt. Im April 1981 begann man mit den Arbeiten, die das bisherige Arreal nahezu verdoppelten. Dadurch wurde die Bruderschaft zeitweise zum Bauherren großen Stils, denn auch das Schützenhaus an der Schulstraße gewann an Kontur und im April wurde dort Richtfest gefeiert.

 

Dennoch begann das Jahr, wie schon das zuvor, mit unschönen Neuigkeiten. Hart traf die Gemeinschaft der überraschende Tod von Geschäftsführer Walter May, zu dessen Nachfolger Günter Jäger gewählt wurde.

Erneut waren es auch finanzielle Gründe, die Anlaß zum Ärger gaben.

Mit der Neujahrspost flatterte ein Schreiben des Ordnungsamtes ins Haus, das einen Haftpflichtnachweis von mindestens 50.000 Mark forderte. Außerdem galten neue Regularien für die Anmeldung und die Durchführung von Umzügen und Veranstaltungen. Zusätzlich wurde eine schriftliche Erklärung zum Verzicht auf Schadensersatzansprüche gegenüber der Stadt gefordert . Während diese behördlichen Ansprüche, die man ohnehin schon zum Teil erfüllte, durch Gespräche mit der Verwaltung relativiert werden konnten, bedurfte ein weiteres Problem der unmittelbaren Lösung: Der Schützenplatz war nach Veranstaltungen nicht sauber genug. Das war schlecht für das Image und schlecht für die Umwelt. Deshalb wurde beschlossen, daß ab sofort die Königszüge für Sauberkeit zu sorgen hatten, daß ein zusätzlicher Abfallcontainer installiert und die Pflicht zur Müllbeseitigung in die Verträge mit den Schaustellern aufgenommen wurden.

Zusammen mit dem Appell des Vorstandes an das Regiment, auch selbst mehr auf Müllvermeidung zu achten, war dies der erste größere Vorstoß in Sachen Umweltschutz. Jahre später wurde man noch einmal auf diesem Gebiet aktiv, als es um die Toiletten am Schießstand und die Frage ging, wie verhindert worden kann, daß menschliche Hinterlassenschaften in den Boden versickern. Auch dieses Problem wurde gelöst.

Neben dem Umweltschutz war zu Beginn der 80er Jahre die Integration von Ausländern ein vielbeachtetes Thema. Das war Anlaß für das Leitungsgremium, einmal zu überprüfen, wie es in den eigenen Reihen mit den Stürzelbergern anderer Nationalität aussieht. Ergebnis der Prüfung: Unter der Bruderschaftsfahne marschierten neben Deutschen auch Spanier, Engländer, Niederländer, Italiener und Österreicher, und zwar nicht nur neben-, sondern miteinander und ohne, daß es je zu Konflikten zwischen den Schützen mit unterschiedlichen Pässen gekommen wäre. ,,Glaube - Sitte -Heimat" haben sich die Mannen der Deutschen Historischen Schützenbruderschaften aufs Panier geschrieben: Integrationskraft steht zwar nicht in dieser Auflistung, wurde aber ebenfalls zu einer Aufgabe für die Schützen.

Um den Vorstand bei seinen umfangreicher gewordenen Arbeiten zu unterstützen, stellte Jakob Justenhoven aus der Jägerkompanie zur Mitgliederversammlung am 25. Januar 1981 den Antrag auf Einrichtung eines Arbeitsausschusses. Dem Vorschlag wurde stattgegeben und die Jägerkompanie war selbst die erste, die für ein Jahr das Amt übernahm. Schon beim Richtfest im April kümmerten sich die Jäger um Bestuhlung und Ausschank. Beim Schützenfest sorgte sie für Auf- und Abbau der Tribüne. Die Einrichtung dieses Arbeitsausschusses mit jährlich wechselnder Verantwortung hat sich bis heute bewährt und ist ein Dokument guter Bruderschaftsarbeit.

 

Diese hätte 1982 durch ein schönes Fest im August eigentlich wieder belohnt werden sollen. Die Vorbedingungen schienen auch nicht schlecht:

Das Schützenhaus war fertiggestellt und eingeweiht; man hatte mit Generaloberst Peter Malzkorn im großen Rahmen dessen 70. Geburtstag gefeiert; das zahlenmäßig verstärkte Edelknabencorps zog erstmals mit schmucker Armbrust auf die Straße und mit den marschierenden Gästen hatten sich über 500 Aktive für den Umzug angemeldet. Doch das Schicksal meinte es nicht gut: Ein furchtbarer Unfall am 28. Mai traf die Stürzelberger und in besonderem Maße die AIoysianer Die Damen des Kegelclubs ,,Einer steht immer", darunter Schützenfrauen, verunglückten auf der B9 in einem Kleinbus. Sie waren auf der Heimfahrt von einem Ausflug an die Mosel, als ein entgegenkommender Ford- Transit ins Schleudern geriet und das Fahrzeug der Stürzelbergerinnen erfaßte. In den Trümmern starben der Fahrer des Transit und Marlies Engels, Mutter von drei Kindern. Ihre sieben Freundinnen wurden schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht, wo Christel Piecuch im November des Jahres an den Folgen des Unglücks starb. Sie war die Gattin der amtierenden Majestät und des Zugführers des Fahnenzuges der Jägerkompanie, Karl Piecuch. Er nahm am Festgeschehen im August nicht teil. Die Schützen fühlten mit ihrem abwesenden König und gedachten der zu diesem Zeitpunkt immer noch im Hospital liegenden, Opfer. Die Stimmung des Festes war verständlicherweise gedrückter als gewohnt. Ein handgeknüpfter Wandbehang, in dem Christel Piecuch mit mehr als 24.000 Knoten das Stürzelberger Wappen nachbildete, befindet sich noch heute im Besitz der Bruderschaft. Es war ihr und ihres Mannes Geschenk an den Heimatort anläßlich der gemeinsamen Königs würde.

Nach dem Schützenfest ohne König ging das nächste ohne Brudermeister über die Bühne. Beim Patronats fest 1983 gab Jakob Zell seinen Rücktritt bekannt und quittierte damit den ,,Mangel an Unterstützung beim Bau der Außenanlage des Schützenhauses". Nicht genug damit, verzeichnete die Kassenführung ein großes Defizit als Folge der Steuernachzahlungen, an denen die Bruderschaft nicht vorbeikam. Offen stand noch ein Einspruch gegen die Forderungen des Fiskus. Während es bei der größten Ortsvereinigung kriselte, erlebte eine andere einen Boom. Dafür war ein Schützenbruder mitverantwortlich: Wilfried Schellen hatte als Pfarrjugendleiter der Katholischen Jungen Gemeinde schon 1979 mit den Planungen zum Umbau des ehemaligen Kindergartens am Lindenplatz zu einem modernen Jugendheim begonnen. Vier Jahre nach Planungsstart wurde das umgestaltete Gebäude eingeweiht. Ähnlich wie beim benachbarten Schützendomizil wurde auch hier ein Großteil der Arbeiten in Eigenleistung erstellt. 400.000 Mark kostete die Maßnahme, nach deren Abschluß die Pfarrgemeinderats- Vorsitzende Heidi Roggendorf anerkennend feststellte: ,, Wir sind sprachlos und verblüfft, daß ihr das geschafft habt." Natürlich waren die Repräsentanten der AIoysianer zum Gratulieren gekommen. Sie hatten aber auch Grund, auf den Nachwuchs in den eigenen Reihen stolz zu sein. Durch Zeltsammlung und Helferdienste beim Oberstehrenabend waren die Edelknaben in der Lage, sich selbst zu finanzieren und so die arg strapazierte Bruderschaftskasse etwas zu entlasten. Während im August noch Bundesmeister Willi Holten die ,,Krise der Bruderschaft" bedauerte, begann letztere an deren Behebung zu arbeiten. Ein erster Schritt war die Bereinigung der internen Querelen und die Wahl eines neuen Brudermeisters.

 

Heinz Stamm, seit 1954 beiden Traditionshütern, wurde im Oktober 1983 von über 300 Schützen zum neuen Vorsitzenden gewählt. „Wir sind doch kein Verein, der sich zerfleischen lassen will", gab der neue erste Mann die Marschrute der näheren Zukunft vor. Sein „Vize" wurde Armin Manitz. Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Brudermeisters war ein Dank an das Grenadiercorps für eine Spende von 600 Mark zugunsten des Schützenhauses. Da die Übergabe genau an dem Tag geschah, als die US-Armee die ersten der umstrittenen Pershing-Raketen in Muthlangen stationierte, bemerkte der neue Schützenchef: ,,Also ehrlich gesagt: Mir sin sechs Hundertmarksching leewer als een Pershing." Die Verdienste von Stamms Vorgänger Jakob Zell blieben nicht ohne hohe Würdigung. Der Mann, der 20 Jahre die Geschicke der Bruderschaft in verantwortlicher Position gelenkt hatte, erhielt im Grevenbroicher Kreisständehaus aus den Händen von Landrat Matthias Heeren die Bundesverdienstmedaille. Damit dankte die Bundesrepublik Zell für dessen vielfältiges Engagement: Für die 3000 Stunden, die er beim Bau des Schützenhauses opferte, für seinen Einsatz am Schieß- und Schützenplatz sowie für den Ausbau des Sportplatzes oder für die Gedenkstätte der Gefallenen des zweiten Weltkrieges. Neben den Vertretern von Stadt, Kreis und Land war auch die Geschäftsführung von ZelIs Arbeitgeber der Firma Henkel, in die ehemalige Kreisstadt gekommen.

Die Wogen hatten sich wieder geglättet Eine schwierige Aufgabe galt es aber immer noch zu meistern.

 

Mit 80.000 Mark bezifferte Geschäftsführer Jäger die Verbindlichkeiten gegenüber dem Finanzamt Es waren die Steuerschulden der Jahre 1972 bis 1982. In dieser Summe waren alleine 13 Prozent Mehrwertsteuer enthalten, die auf den Zuschuß von 500.000 Mark entfielen, den die Stadt Dormagen zur Errichtung des Schützenhauses beigesteuerte hatte. Dessen Kosten machten dem mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren jüngsten Vorstand, den die AIoysianer je hatten einiges Kopfzerbrechen. Ein erster Schritt zur Konsolidierung der Schulden war die Gründung von Fachausschüssen für Finanzen und das Schützenhaus. Im kleinen Kreis und nicht mehr bei Versammlungen wurden hier Konzepte erarbeitet Gespräche mit den fordernden Ämtern geführt, die langfristig tatsächlich zum Erfolg führten.

Es brauchte dazu auch unkonventioneller Ideen, wie die des Vorsitzenden des Schützenhausausschusses, Hans Pick. Er regte spezielle Sammlungen für das Schützendomizil an, daß inzwischen an Monika Piel verpachtet worden war. Selbst die Ehrengäste blieben davon nicht ,,verschont", die beim Schützenfestkommers aber gern in die Tasche griffen und so ihr Scherflein zur Entschuldung beitrugen.

Hoher Besuch kam 1984 leider nicht nur zum Feiern, sondern aus weitaus unschönerem Anlaß nach Stürzelberg. NRW-Minister Prof. Friedhelm Fahrtmann besuchte das Schützenhaus, um hier an einer Bürgervorsammlung teilzunehmen. Was die Gemüter der Menschen bewegte waren die Bleierz-Konzentration, die die Frankfurter Metallgesellschaft am Rheinkai der Firma Lehnkering umladen und lagern wollte. In vorderster Reihe des Bürgerprotestes gegen dieses Projekt standen erneut auch Schützenbrüder, speziell Wilfried Schellen. Der Pädagoge legte eine Untorschriftenliste fast aller Einwohner vor, die gesundheitliche Beeinträchtigungen und Umweitschäden durch Schwermetalle befürchteten. Der Protest hatte nach mehrmonatigem, zähen Ringen Erfolg. Die Damen der Katholischen Frauengemeinschaft, die in jenem Jahr unter der Vorsitzenden Käthe Zacharias ihr 50jähriges Bestehen feierte, fragten in ihrer Karnevalssitzung: ,,1,2,3, wer hat das Blei?"

 

Vom schweren Metall zum schweren Abschied: Peter Malzkorn, ,,Dr Lott", wie ihn seine Freunde riefen, legte nach 27 Jahren als Oberst und Generaloborst sein Amt nieder. 72jährig wollte er die Position des Regimentschefs nun einem Jüngeren überlassen. Er war das personifizierte Schützen wesen schlechthin: Stets freundlich, zuverlässig und deswegen sehr beliebt: Die Lokalpresse schrieb zu seiner Person beim Abschied: ,, Vorbild, Mitmensch, Vaterfigur und Kumpel". Der mit dem Sebastianus-Ehrenkreuz Dekorierte verließ die Bühne des Festzeltes als erster Ehrenoberst des Vereines und als ,,Karajan von Stürzelberg" (laut Stadtdirektor Paul Wierich). Als letzte Amtshandlung tauschte Malzkorn beim Schützenfest den Säbel gegen einen Dirigentenstab und brachte vier Tambourcorps und zwei Kapellen mit insgesamt 190 Musikern zum Gleichklang. Ihm zu Ehren legte das Tambourcorps Grimlinghausen, langjähriger Begleiter der Jägerkompanie, Trommeln und Pfeifen aus der Hand und sang: ,,In Stürzelberg bin ich geboren. ,,Als l6jähriger war Malzkorn einst selbst zu den Spielmännern gestoßen. Nicht nur das Schützenwesen lag ihm am Herzen. Der gelernte Metzger - er wurde im elterlichen Geschäft an der Schulstraße ausgebildet - war auch Mitbegründer der SV Rheinwacht. Malzkorn ging nicht ohne Geschenk an ,,seine" Bruderschaft. Er stiftet die Treppe aus Eisenbahnschwellen, die von der Oberstraße zum Schießstand führt.

 

Bis zum seinem Tod 1989 blieb ,,Dr Lott" den Traditionshütern eng verbunden. Beim 84er Fest wurden nicht nur ihm hohe Auszeichnungen zuteil:

Mit Heinrich Malzkorn, Johann Malzkorn und Georg Schmitz avancierten gleich drei verdiente Männer zu Ehrenmitgliedern. Sie waren als ,,Rentnerband" maßgeblich am Werden des Hauses an der Schulstraße beteiligt.

 

Im Oktober galt es einen neuen Oberst zu wählen. Drei Kandidaten hatten sich für die Position beworben, und letztlich setzte sich Adi Gassan durch. Schon sein Großvater, Georg Malzkorn, hatte das Amt inne, das nun sein Enkel, der im achten Lebensjahr schon Mitglied wurde, übernahm. Nicht nur alteingesessene Familien konnten und können Schützenkarriere machen. Als bestes Beispiel dafür diente der neue ,, Dorfsheriff" Alfred Erich. 1984 wurde der Polizist Nachfolger des Bezirksbeamten Hans Müller. Erich, gebürtiger Bayer, fand schnell Gefallen am niederrheinischen Brauchtum und speziell am Jägerhauptmannzug. 1985 inthronisierte ihn die Kompanie mit Gattin Edeltraud als Königspaar

Zu Beginn des Jahres 1985 zählte die Vereinigung exakt 444 Mitglieder, unter denen der 83jährige Johann Berchem das älteste war Erstmals wurde das Schützenhaus Wettkampfort für das Schießen um den Dr.-Gustav-Goldmacher-Wandorpokal, zu dem alle Bruderschaften und Vereine der Stadt ihre Teams schickten. Kurz nach dieser Veranstaltung übernahm dann der Ehrenbrudermeister Jakob Zell das Ruder beim Stadtverband: Er löste Günter Bohrend als Vorsitzender der Dachorganisation ab.

Einen Rekord vormeldeten die Chronisten von der Generalvorsammlung vor dem Fest, die von Armin Manitz geleitet wurde. Nach 17 Minuten konnte er die kürzeste Sitzung der Vereinsgeschichte schon wieder schließen, alle Tagesordnungspunkte waren besprochen und entschieden worden. Einigkeit herrschte darüber, daß angesichts der Finanzlage die Eintrittspreise für die Tanzveranstaltungen erhöht werden mußten. Von fünf auf sechs Mark kletterte das Entree, was den Besucherzahlen aber keinen Abbruch tat. Im Gegenteil kamen außergewöhnlich viele zum Fest, bei dem der Vater des Oberst, Erhard Gassan, den Holzvogel herunterholte. Damit übertraf er in Sachen Ehrenzeichen noch seinen Sohn Adi, den Regimentschef, dem zum Oberstehrenabend ,,goldene" Sporen vom stellvertretenden Brudermeister überreicht worden waren. Ein anderes Geschenk, das für Gesprächsstoff und Erheiterung sorgte, erhielt Bernhard Wagener als Zugkönig von Treu Kolping ,59. Seine Mitmarschierer offerierten ihm als Andenken an seinen Schießerfolg 30 gackernde Legehennen samt Stall. Es steht also nicht immer alles im offiziellen Programm, was den Flair, die Atmosphäre eines Festes und dessen Stimmung ausmacht Für Stürzelberg gilt dies besonders, wenn von der „Frühparade" die Rode ist. Sie steht in keinem Einsatzplan oder Tagesbefehl und wurde trotzdem zum festen Bestandteil des Schützenfestes. Sie ist in gewisser Weise sogar charakteristisch. Wenn mittwochs früh im Zelt die Instrumente weggepackt und die Lichter gelöscht werden und an die 300 Schützen an Oberstraße und Kapellenberg noch einmal vor den Majestäten paradieren statt direkt nach Hause zu gehen, dann spürt man, wieviel Spaß den Marschierern ihre jährliche Großfeier macht und wie schwer das Warten bis zum nächsten Jahr fällt. Nicht nur im inoffiziellen Rahmenprogramm finden sich solche Rheinort-Besonderheiten: Beispielsweise ist am Vorabend des Festes das Pflanzen eines Baumes durch das Königspaar, das 1985 erstmals für diese Aktion zum Spaten griff mittlerweile ein weiteres typisches Merkmal des aloysianischon Feierablaufes geworden. Die größer werdende Königsallee" an der NATO-Rampe zeugt davon.

 

Im Dezember wurden die Uniformen noch einmal, aus dem Schrank geholt, als im Saal an der Schulstraße der Bruderschaftstag begangen wurde. In Anwesenheit von Bezirkspräses Pfarrer Freund referierte damals Peter-Olaf Hoffmann über das Bruderschaftswesen. Malermeister und Murrejong Wolfgang Buchfeld wurde wegen seiner kostenlosen Ausgestaltung des Schützenhausinnern mit dem silbernen Verdienstkreuz der Deutschen Historischen Schützen-bruderschaften ausgezeichnet. Den Schwung aus den. vielen Aktivitäten des Jahres nahm man für 1986 mit.

 

Offensiv wurde für den Nachwuchsbereich akquiriert. Persönliche, gezielte Gespräche mit Eltern und ihren Pänz sorgten dafür, daß die Zahl der Edelknaben auf 20 Jungen anwuchs. Eine ähnlich erfreuliche Entwicklung auch bei den etwas älteren, die durch den neuen Marinezug „Gorch Fock" verstärkt wurden.

 

Ganz unproblematisch verlief das Zusammenleben zwischen Jung und Alt allerdings doch nicht Eine Zeit lang gab es Beschwerden über das Verhalten der Besucher der Disco im Jugendheim am Lindenplatz, darunter auch Jungschützen. Vor allem Nachbarn waren es, die nächtliche Ruhestörung monierten. Das wiederum brachte ältere Schützenbrüder dazu, Kritik am Nachwuchs in den eigenen Reihen zu üben. Bevor es aber zu einem tatsächlichen Generationskonflikt in der Bruderschaft kommen konnte, fand Jungschützenmeister Peter Roßner die Kompromißformel:,, Wir müssem den Dialog mit dem Nachwuchs suchen und nicht alles als Kinderkram abtun." Daß Jugendideen durchaus vorteilhaft für die Bruderschaft sein können, bewiesen einmal mehr die Edelknaben, die sich für die Umzüge einheitliche Leihuniformen besorgten und allein beim Fest 2.000 Mark für ihre Kasse sammelten.

 

Eine weitere Idee, wie die Bruderschaftskasse entlastet werden könne, präsentiere Adi Gassan. Er regte an, Biergläser mit dem neuen Wappen bedrucken zu lassen. Die Trinkgefäße wurden für 1,50 Mark pro Stück veräußert Sie fanden vermutlich gerade deswegen reißenden Absatz, weil beim 86er Fest die Sonne gnadenlos heiß brannte. Die hohen Temperaturen wurden nicht nur für die paradierenden Schützen zur Qual. Der Rheinische Anzeiger schrieb: ,,...auch die vielen Prominenten in Uniformröcken wie Bezirksoberst Karl Brockers oder im obligaten schwarzen Anzug wie Stadtdirektor Paul Wierich, die sich die Teilnahme als Ehre anrechneten, ertrugen tapfer mit den Schützen, daß etwa am Sonntag bei 38 Grad im Schatten der Schweiß geradezu in Bächen durch die Unterwäsche rann." Am allerwenigsten schien die Hitze Fritz Köster zu belasten: Er wurde König, der erste übrigens, auf den die neue Abmachung zutraf daß jeder neue Schützenherrscher automatisch für zwei Jahre dem Vorstand angehörte.

Die beste Nachricht des Jahrs gab das Leitungsgremium erst nach dem Fest bekannt: Durch die Arbeit des Finanzausschusses, durch die Sparsamkeit, durch Spenden und durch die Erlöse der verschiedenen Verkaufs- und Tombolaaktionen konnten die Steuerschulden beglichen werden.

 

Befreit von dieser finanziellen Last, setzten die Schützen, deren Zahl mittlerweile auf 473 angewachsen war, Energien nicht nur auf dem Festplatz frei. Am 27. Juni 1987 schossen die Traditionshüter nicht auf den Vogel, sondern auf Tore beim ersten offiziellen Fußballturnier, das großen Anklang bei den Aktiven und den Zuschauern fand. Der gute Ruf der Bruderschaft klang derweil bis ins Ausland, genaugenommen bis nach Saint Andre'. Das Königspaar der französischen Partnerstadt Dormagens, Bernard und Solange Danos, ließ es sich nicht nehmen, die Zentralveranstaltung im Rheinort zu besuchen, und erlebte dabei, wie der 85jährige Johann Berchem in den Stand eines Ehrenmitgliedes erhoben wurde. Als er zur Welt kam, war das örtliche Tam­bourcorps bereits 15 Jahre alt, so daß es nun seinen 100. Geburtstag feierte. Die Spielmänner sind also auch ein Stück Ortshistorie. Dieser nahmen sich in Buchform Jakob Justonhoven und der Archäologe Jost Aulor an. Sie veröffentlichten 1988 die Schrift ,,Stürzelberg in alten Ansichten", in der unter anderem 93 photographische Aufnahmen aus der Zeit zwischen 1880 und 1930 gezeigt werden. Eine solche Publikation paßte gut in ein Jahr, in dem es mehrfach Anlaß zu Feiern gab: Der evangelische Kindergarten an der Paul-Huisgen-Straße, der für rund 800.000 Mark entstanden war, öffnete seine Pforten.

Am 9. November konnten die hiesigen Katholiken auf den 150. Jahrestag der Einweihung ihres Kirchengebäudes an der Oberstaße zurückblicken. Zu diesem Jubiläum hatte der Schützenbruder und Pädagoge Herbert Milz in Buchform die Monographie ,,Sankt AIoysius Stürzelberg" seinem Heimatort übereignet Danach war der Neubau einer Kapelle auf Kosten der rein katholischen Ortsansässigen wegen den ständig wachsenden Einwohnerzahl in der 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts notwendig geworden. 1910/11 erweiterte man die Kapelle zur heutigen Kirche. Acht Jahre später, am 1. Oktober 1919 wurde das von der Zonser Pfarrkirche abhängige Stürzelberger Rektorat unter Wilhelm Gustav Biesenbach zur selbstständigen Pfarrei Sankt AIoysius erhoben. Das 1838 aufgegebene alte Gotteshaus stand am Kapellenberg und diente bis 1860 als Schule, danach bis auf den heutigen Tag als Wohnhaus (Familie Heyers, vormals Balduin Erkelenz).

 

Über weniger stabile Räumlichkeiten diskutierten die Schützenbrüder 1988: Es ging um das Zelt, genauer gesagt, um die Tanzmusik darin. Sie war einigen Gästen zu laut und zu modern. Für rund 30.000 Mark, die man für akustische Unterhaltung ausgebe, könne man auch Einfluß auf das Programm nehmen, so die Argumentation. Prinzipiell, so wurde vereinbart, sollte das Angebot an Musik aber erweitert worden. Statt der üblichen vier Tambourcorps und vier Kapellen wurden für 1989 je weils ein Tambourcorps und eine Kapelle zusätzlich verpflichtet. Außerdem setzte man fest, das Königsgeld von 1.500 auf 2.000 Mark zu erhöhen. Dieser Luxus war möglich, weil sich die Finanzlage weiter verbessert hatte. Die Verbindlichkeiten aus dem Schützenhausbau waren gesunken, und Ende des Jahres 1989 kam die gute Nachricht aus dem Dormagener Stadtrat: Das politische Gremium hatte einstimmig beschlossen, die ausstehenden Investitionskosten in Höhe von 90.000 Mark bereitzustellen und sich überdies mit Zuschüssen an den laufenden Betriebskosten zu beteiligen.

 

Damit war das Bauwerk schulden­ und die Sankt-Aloysius-Bruderschaft sorgenfrei. Gedanken um die Zukunft des Hauses mußte sie sich machen, als der Pächter Manfred Heller kündigte und die Betriebskosten drohten, die gerade wieder aufgebesserte Kassenlage unerträglich zu belasten.

 

Doch mit der Übernahme der finanziellen Verpflichtungen durch die Kommune und mit der neuen Pächterin Elke Mostert konnte der Betrieb des Hauses auf eine solide Basis gestellt werden.

 

Eine, wenn auch nur vorübergehende Neuerung, gab es an der Regimentsspitze: Adjutant Adolf Boes befehligte die 487 Marschieror in 48 Zügen anstelle von Adi Gassan. Der eigentliche Oberst war im Jahr zuvor Schützenkönig geworden, zwei Jahre nach seinem Vater Erhard. Er durfte sich über einen Rekord beim Fackelzug freuen: Sieben illuminierte Großwerke zogen durch die Straßen; soviel wie noch nie. Umgekehrt revanchierte sich der König mit einer Überraschung für seine Mannen. Die bekannte Kölner Mundartband ,, De Höhner" sorgten auf Einladung des Herrschers dafür, daß die Menschen im Zelt auf den Tischen tanzten. Obwohl so viel los war, wurde das größte Schützenfest des Jahres nicht in Stürzelberg gefeiert. Der Rheinische Schützentag, ausgerichtet vom BSV Dormagen, lockte nicht nur Abordnungen aus allen Stadteilen zum Mammutumzug auf die Kölner Straße. Aus dem gesamten Rheinland kamen über 3.000 Mitwirkende, die den größten Aufmarsch der Stadtgeschichte vor den Augen des nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau besorgten. Dennoch haben die AIoysianer ihren Nachbarn aus Dormagen eines voraus: Ihr Wappen hängt in unmittelbarer Nähe des Papstes. Klaus Vechtel zelebrierte in seiner Heimatpfarrkirche Sankt Aloysius im Beisein der Bruderschaftsvertretung seine Primiz. In den Vatikan, wo er sein geistliches Amt ausübt, nahm er als Geschenk seiner Freunde und der Bewohner des Rheinortes unter anderem eine Stola und das Wappen mit, das Heinrich Meuther geschnitzt hatte.

 

1990 überschritten die AIoysianer eine magische Zahl: Das halbe tausend an Mitgliedern war voll: Genau 502 waren es nach den Zählungen im Frühjahr In den Zügen zerbrach man sich (ohne bis heute eine Lösung gefunden zu haben), den Kopf über Probleme, geschaffen durch die EG-Politik. Da immer mehr Landwirte ihren Beruf aufgegeben oder sich spezialisiert haben, gibt es in und um den Ort nur noch wenige Scheunen. Diese brauchen die Schützenbrüder aber, um ihre Großfackeln, deren Erstellung sich über Wochen erstreckt, bauen und lagern zu können. Dem Bestreben, einen möglichst attraktiven Fackelzug präsentieren zu können, steht dieser Mangel sehr entgegen.

 

Mittlerweile hatte die Bruderschaft in Doppel-Pfarrer (Zons/Stürzelberg) Peter Heidkamp einen neuen Präses. eine weitere Änderunng in führender Position gab es 1991, als Hans-Peter Engels Brudermeister und somit Nachfolger von Heinz ,,Ala" Stamm wurde. Der neue Mann an der Bruderschaftsspitze war schon einmal Bezirkskönig, allerdings nicht in Stürzelberg, sondern als Majestät der Horremer Sankt Hubertianer, bei denen Engels aktiv war, bevor er in den Rheinort zog. 1992 übernahm dann Wilfried Bordelius anstelle von Armin Manitz das Amt des zweiten Bruder-meisters und Klaus Dickmanns wurde ebenfalls in den Vorstand gewählt. Nicht der Streß des Amtes war dafür verantwortlich, daß Engels im vergangenen Jahr sein zweites Fest als Brudermeister nicht im Stehen absolvieren konnte. Ein Bänderriß, den er sich nach einer Vorstandssitzung (!) zugezogen hatte, zwang ihn zur Improvisation und dazu, den Festkommers vom Barhocker aus im Sitzen zu moderieren. Die Verletzung konnte ihn am 3. August nicht daran hindern, als erster Heinrich Gassauer am Schießstand zu gratulieren. Er und seine Gattin Marianne gingen als Jubiläums-Königspaar in das 125. Jahr der Sankt-Aloysius-Schützenbruderschaft.

Aktualisiert ( Mittwoch, 03. Dezember 2008 um 20:02 )
 
Geschichte der Bruderschaft von 1868 - 1968 PDF Drucken E-Mail
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Mittwoch, 28. Juni 2006 um 17:04

Die Bruderschaft von

1868 bis 1968

Die Gründung des Norddeutschen Bundes unter preußischer Führung in den Jahren 1866/67 schuf für die 22 Mittel- und Kleinstaaten so wie für die freien Städte nördlich der Mainlinie gefestigte politische und territoriale Strukturen, die letztlich zum Deut­schen Reich (1871) überleiteten. Unter dem späteren Reichskanzler Graf Otto von Bismarck und Kaiser Wilhelm 1. zogen preußische Disziplin und Bürokratie am Niederrhein ein und spielten auch bei der Gründung der Stürzelberger Sankt-AIyslus­Schützenbruderschaft eine Rolle. Beim deutsch-dänischen Krieg 1864 zogen Stürzelberger als Infanteristen und Pioniere ins Feld. Sie waren ebenso zwei Jahre später dabei als die Preußen den Krieg gegen Öster­reich gewannen. Die Siege lösten auch bei den, preußischen Tugenden eher skeptisch gegenüberstehen den Rheinländern einen gewissen Patrio­tismus aus, der bei der Gründung der Vereine, Bruderschaften und Gesell­schaften mit ausschlaggebend war Bereits ein Jahr vor den Stürzelber­gern formierten sich in Straberg und Dormagen Schützenvereinigungen. Wahrscheinlich  haben  ehemalige Kriegsteilnehmer den Anstoß für diese Entwicklung gegeben. Doch die Ursprünge des Schützenwesens in unserer Region reichen sehr viel wei­ter zurück. Es gab schon im Mittelalter im Raum der heutigen Stadt Dorma­gen rein kirchliche Bruderschaften. In Nievenheim belegen Urkunden die Existenz einer Bruderschaft schon vor über 450 Jahren, und in einem Bericht vom 15. Februar 1560 ist von einer Dormagener Bruderschaft die Rede. Früh- und Spätkirmes wurden in Stür­zelberg schon vor dem Jahr 1868 gefeiert. Mindestens acht Jahre vor der Gründung des Schützenvereines sind diese beiden Festveranstaltun­gen schon belegt und terminiert: Die Gottestracht (Frühkirmes) wurde am Sonntag nach Ostern gefeiert, die Spätkirmes am ersten Sonntag im Oktober sowie dem folgenden Montag und Dienstag. Aus Inseraten im ,,Neu­ßer lntelligenzblatt" ist zu entnehmen, daß bei Wilhelm Falkenberg ( heute Gaststätte ,,Vater Rhein') und bei Johann Wankum, der späteren Gaststätte Tolles, an den Tagen der Spätkirmes ein Ball stattfand. Für diesen hatten die Herren ein Eintrittsgeld von siebeneinhalb Silbergroschen zu ent­richten, wofür es dann eine Flasche Wein gab. Den Damen gegenüber war man galant Sie durften die Tanz­veranstaltung kostenlos besuchen.Das Dort am Rheinufer beheimatete 1868 170 Häuser, in denen ungefähr 900 Menschen wohnten. Über deren Leben berichtet die Schulchronik von Wilhelm Carl Bruch. Er war von 1861 bis 1894 Hauptlehrer in Stürzelberg, hatte außerdem das Küsteramt inne, war Organist sowie erster Chorleiter des 1883 gegründeten Männerge­sangsvereines. 1875 schreibt Wil­helm Gart Bruch in seine Chronik:Stürzelberg erfreute sich bis zu Anfange des 19. Jahrhunderts eines gewissen  Wohlstandes,  welcher jedoch immer mehr sank, als man anfing, den Rhein mit Dampfschiffen zu befahren und die Frachtschiffe nicht mehr, wie seither, durch Pferde den Rhein hinaufgeschafft werden mußten. Stürzelberg konnte nun dem großartigen Verkehr auf dem Rhein zusehen und hatte selbst keinen Vor­teil davon. Seine Bewohner waren jetzt allein auf Ackerbau angewiesen, der leider wegen des sehr mittelmäßi­gen Ackerbodens nicht das zum Fort­kommen Nöthige zu bieten ver­mochte. Die schöne Wiesen Fläche am Rhein (Grind oder Grenth) leistete noch einigen Ersatz, aber auf die Dauer mußte doch der Minderbegü­terte immer mehr herabkommen. Fremde, besonders Juden, kauften die belasteten Grundstücke und Häu­ser sind überließen sie wieder pacht­weise dem Verkäufer."kurzum: Das Leben war für die mei­sten ärmlich. Viele Stürzelberger ver­dienten für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt mit Tagelohn, betrie­ben nebenher etwas Landwirtschaft. Jakob Justenhoven und Herbert Mflz stellten in ihrer Chronik zum 100iähri­gen Jubiläum einige Eckdaten zusam­men, die den wirtschaftlichen Spiel­raum einer Familie erahnen lassen. Danach schwankte der Verdienst eines Tagelöhners zwischen 70 Pfennigen und 1,50 Mark. Für ein zwölfpfündiges Schwarzbrot wurden zehn Silbergroschen (ca. eine Mark), für einen Zentner Kartoffeln zwei bis drei Mark bezahlt. Ein Schoppen Wein kostete um die zwei Silbergroschen, ein Glas Pilsener Bier etwa ebenso­viel. Im Neusser lntelligenzblatt von 1868 hieß es: ,,Für eine gewöhnliche Haushaltung von fünf bis sechs Per­sonen läßt sich ein ausgiebiges Quantum von Rüben, Möhren, Kohlrabien, Kappus oder Savoyen (Weißkohl, Anm. d. Autors) zur hinreichenden Mittagsmahlzeit für 2,5 Silbergroschen beschaffen. Dies waren die Lebensumstände im Rheindorf als sich am 6. September 1868 beim  Schankwirt Johann Wankum Männer des Ortes trafen, um den Sankt-Aloysius-Schützenverein zu gründen. Trotz der Vorgabe, einen Verein mit vorrangig gesellschaftlichen Zielen ins Leben zu rufen, gab es doch keine Diskussionen darüber, daß man als Namen den des Patrons der (Kapellen-) Gemeinde wählen würde. Klar war auch, daß bereits im nächsten Monat die Spätkirmes als Schützenfest gefeiert werden sollte. Die Vorbereitungen dazu gingen wohl zügig voran, denn schon kurz nach der Vereinsgründung stand in einer Anzeige zu lesen: „Stürzelberger Kirmes. Sonntag den 4. Montag den 5. und Dienstag den 6. ds. Mts. Ball. Wilh. Falkenberg." Weiter heißt es im Inserat: ,,St.-Aloysius-Schützen-Verein zu Stürzelberg. Am 4. - 5. und 6. Oktober 1868 wird der neugegründete Schützen-Verein ein Preis- und Festschießen abhalten. Die Liste zu ersterem liegt im Vereins-Local bei Johann Wankum offen und werden geehrte auswärtige Gäste eingeladen. Zum Preisschießen werden nur Büchsen des Vereines benutzt. Der Vorstand." Schießgewehre hatten sie also schon, die ,, Urväter". der AIoysianer, aber einen Schützenkönig wollten sie auch, und zwar schon zum Festumzug am Sonntag und nicht erst nach dem Schießen am Montag. Daher ,,lieh" man sich eine Majestät von der anderen Rheinseite aus. Johann Höbel, König des Sankt-Sebastianus-Schützenvereines aus Düsseldorf wurde als Majestät eingeladen. Höbel war einigen Stürzelbergern kein Unbekannter, schaffte er doch als ,,Schattenmann"  - so  bezeichnete man die Rheinarbeiter - an den 13 Rheinkribben mit. Zu den Sebastianern aus der heutigen Landeshauptstadt hatten die Aloysianer wohl ohnehin enge Kontakte, denn die erste Satzung, die erst zwei Jahre nach der Gründung verabschiedet und genehmigt wurde, orientierte sich an der der Düsseldorfer. Deren entliehener Schützenherrscher wurde bei seinem sonntäglichen Umzug durch Stürzelberg von zwei Kompanien begleitet, darunter bereits die der Grenadiere. Höbel schien die Feier sehr beeindruckt zu haben, denn er schrieb im Neußer lntelligenzblatt: ,,Dem verehrlichen Vorstande resp. Schützen-Corps zu Stürzelberg sage ich für die mir so unerwartet dargebrachte Ehre den tiefgefühltesten Dank; ich werde dieses Tages mich noch lange in Freude erinnern,"Der erste ,,richtige" Schützenkönig des Ortes wurde General Peter Josef Malzkorn, der am 5. Oktober 1868 das Holztier zu Boden beförderte. Was Malzkorn  natürlich  nicht  wissen konnte, war, daß er damit auch das erste Kapitel einer langen Familienge­schichte bei den Traditionshütern schrieb.Seine Nachfolge trat ein Jahr später Simon Jussenhoven an, der schon etwas mehr Begleitung beim Festmarsch hatte, denn erstmals zog die neu formierte  Jägerkompanie auf. Dabei war auch deren Mitbegründer Adolf Malskorn, der 1937 noch mit 87 Jahren beim Umzug mitwirkte.

 

Das unruhige Jahr 1870 war ein bedeutendes für die erblühende Gemeinschaft. Während in Berlin die Vorbereitungen für die Errichtung eines neuen Kaiserreiches vorangetrieben wurden, nahm die soziale Not am Niederrhein weiter zu. In Reihen der AIoysianer gab es einige engagierte Vordenker, die sich Sorge um das Wohl und Wehe der Ackerer und Tagelöhner machtet, die das Gerüst des Vereines stellten. Der genossenschaftliche Gedanke der Zünfte und Bruderschaften  des  Mittelalters erwachte wieder, als es galt, die durch Krankheit in Elend geratenen Vereinsmitglieder zu unterstützen. Aus der Schützenvereinigung  wurde  der ,,Sankt-Aloysius-Schützen- und Kranken-Verein zu Stürzelberg." Zu den Zielen heißt es in den am 31. Januar 1870 aufgestellten Statuten: ,,Der St.-AIoysius-Schützen- und Kranken-Verein zu Stürzelberg sucht bei Gründung desselben durch inniges Zusammenwirken und -halten den echten Bürger und Gemeinsinn zu fördern, so wie unter allen Ständen eine auf gegenseitige Achtung und Anhänglichkeit beruhende innige Ver­bindung zu Stande zu bringen, seinen Mitgliedern in Krankheitsfällen beizu­stehen oder sie möglichst zu unterstützen und außerdem durch Begehung eines öffentlichen Festes auch das gesellige Zusammenleben seiner Mitglieder zu fördern." Zu den Vergünstigungen, die diese Krankenkasse gewährte, gehörte die Zahlung von 20 Silbergroschen als wöchentliche Unterstützung für arbeitsunfähige, kranke Mitglieder. Allerdings: ,,Erkrankte Mitglieder dürfen. - - weder öffentliche Lokale noch Wirtshäuser besuchen... -Mit der Genehmigung dieser Satzung im Mai des Jahres durch den Oberpräsidenten in Koblenz bekamen die Schützen, die bis dahin wohl ohne offizielle Bewilligung existierten, den preußisch-staatlichen Segen für ihr Tun. Die Genehmigung, 1870 ein Schützenfest/Kirmes zu feiern, gab es aber nicht, denn wegen des deutsch­französischen Krieges waren alle Veranstaltungen dieser Art ausgesetzt worden. Dafür feierte man ein Jahr später um so heftiger den Sieg.

 

Einen guten Draht zu ihrem Schutzpatron schienen die AIoysianer im Jahr 1871 zu haben, als sie anläßlich des Patroziniuims am 21. Juni im Wirtzhaus  Falkenberg  in gemütlicher Runde zusammensaßen. An diesem Mittwochmorgen tobte über dem Rhein ein Gewitter. Ein mächtiger Blitz traf die Gaststätte, sodaß das ,,in Fachwerk aufgeführte Gebäude zerborsten  und  aus  den  Zapfen gesprengt" wurde. Glück für die Schützen: Niemand wurde ob des schweren Wetterschlages verletzt.Der Verein gedieh. Doch, obwohl mittlerweile auf 62 Aktive angewachsen, enthielten sich die sozial und wirtschaftlich besser gestellten Stürzelberger der Mitgliedschaft. Sie blickten skeptisch, unterstellten eine ,,abgesonderte Wirtshausgesellschaft". Dennoch kletterten die Zahlen der Marschierer stetig, auch, als die Schützen in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ,,Konkurrenz" im Ort bekamen. 1883 gründete sich der Kriegerverein fast zeitgleich mit dem ersten Männergesangsverein. Vier Jahre später wird auch das Tambourcorps aus der Taute gehoben. Solche, eigentlich doch positiven Entwicklungen, beäugte die preußische Regierung hier wie dort mit Argwohn, hatte sie doch noch nicht die Angst vor einer Revolution wie im Jahr 1848 abgestreift. Krieger- und Schützenvereine, beide ausgestattet mit (ausgedienten) Flinten und Büchsen: Das war den Machthabern nicht geheuer, und so forderten Sie Berichte über das an, was die Rheinländer in froher Runde zu tun pflegten. Erst im Laufe der Jahre beruhigten sich die „Preußen“ und anerkannten, daß keine militärische Gefahr aus den Vereinen und Ihren Festen in Richtung Thron und Kaiser heraufzog.

 

Wie feierten sie überhaupt, die Gründungsväter? Tanz und Rummel gab es schon damals, und früh Aufstehen mußten sie auch, denn bereits um fünf oder sechs im Morgen war die Reveille (miltärisches Wecken, Anm. d. Autors). Die Bälle in den Gaststätten, der Festumzug, zu dem in den 80er Jahren unter anderem eine Schnurrantenkapelle (= Bettelmusiker) aus Sachsen aufspielte, sowie das Königsschießen waren die Höhepunkte der Festivitäten. Für das Schießen war lange Jahre der 1917 verstorbene  Schießmeister Peter Hink verantwortlich. Er fabrizierte auch die Kugeln für die Vorderlader selbst: Dazu verflüssigte er In einer Pfanne BIei. Die heiße Masse goß Hink in eine Kugel form. Nachdem das Blei wieder erstarrt war, wurde jedes Geschoß in ein Schmalzläppchen gewickelt und bis zum Tag des Königsschusses aufbewahrt. Für die Pänz war natürlich der Rummel die große Attraktion. Vor der Jahrhundertwende stand vor dem Haus von Vorstandsmitglied Friedrich Ritterbach bereits das erste Karussell. 5 Pfennig hatte derjenige zu entrichten, der auf dem großen Holzpferd die Rundtour machen wollte. Zwei Pfennig zahlte der, der auf einem der kleineren Vierbeiner oder ,,an der Stange mitfuhr. Wer besonders geschickt und sportlich war, hatte die Chance, eine Freifahrt zu ergattern. Dabei galt es. vom Karussell aus einen schwingenden Ring zu schnappen oder als ,,KarusselIbremser" auf ein Klingelzeichen hin das ziehende Karussellpferd zu stoppen. Später kam zum Karussell noch die Schiffschaukel des Schaustellers Franz Kropp. Bis 1914 reisten die Rummelbeschicker allerdings nur zur Herbstkirmes nach Stürze/berg.

 

Sie fehlten hingegen bei der Gottestracht, dem Stiftungsfest oder den Feiern zu Kaiser's Geburtstag. Bei letzteren taten sich die Schützen immer besonders hervor, speziell als Wilhelm 1. am 4. Januar 1886 sein 25jähriges Regierungsjubiläum beging. Sich selbst feierte der Verein auch, denn 1893, als Adolf Malzkorn Vorsitzender, Peter Malzkorn Oberst und Friedrich Ritterbach Schützenkönig war prostete man schließlich schon zum eigenen Silberjubiläum.Die Ruhe im Reich währte nicht lange. Kaiser Wilhelm 1. rief am 1. August 1914 zu den Waffen. Der erste Weltkrieg dünnte die Reihen der Traditionshüter aus. Von 94 Mitgliedern waren zu Kriegsbeginn 20 einberufen worden. Ein Jahr später kämpften bereits 40. Sie erhielten alle zehn Mark aus der Vereinskasse sowie Feldpostpakete, für die der Friseur Alois Schnitzler sorgte. Trotz eigener Armut schickten auch die anderen Dorfbewohner das, was sie entbehren konnten, an die jungen Männer im Feld. Das Elend in ihrer Heimat nahm zu: Ab 1915 bekamen die Stürzelberger ihr Brot nur noch auf Märkchen. 1917 mußte die 1858 von Anna Margarete Schülgen gestiftete Glocke der Kapelle zu Kriegszwecken abgegeben werden. Im Herbst 1918 starben viele Menschen an Infektionskrankheiten. Am 11. November 1918 endete der erste Weltkrieg. 230 Männer des Rheindorfes waren in den Krieg gezogen. 28 wurden getötet, drei blieben vermißt. Zu den Opfern des Vereins gehörten Gerhard Boes, Josef Schimmelpfennig, Cornelius Bebber, Hubert  Tolles, Josef Richrath, Johann Richrath und Franz Stamm.Auch nach Beendigung der Kampfhandlungen wurde die Lage für die Bewohner im Ort kaum besser. Die Schulchronik  berichtet:  ,Schwere Stunden erlebte Stürzelberg, als unser Nachbarort Udesheim mit Belgiern belegt war. Diese kamen in den Tagen, wo keine Engländer und Franzosen anwesend waren, in unseren Ort und veranstalteten regelrechte Raubzüge bei Tag und Nacht. Das Federvieh wurde von der Straße weggefangen. Man schreckte Bewohner nachts auf und stahl Wein und dgl. aus den Kellern." Anfang 1920 war die Besatzungszeit für das Dorf endlich beendet.Während des Weltkrieges gab es keine Schützenfeste, und so amtierte seit 1913 Balduin Erkelenz als König und Cornelius Hackenbroich. der 1903 das Amt des Präsidenten angetreten hatte, führte auch weiterhin die Geschicke der Gemeinschaft. Das erste Volksfest nach dem Krieg fand Anfang Oktober 1919 statt. Optisch unterschied sich dieses jedoch ganz wesentlich von den vorherigen, denn die Besatzungsmacht hatte Uniformen, Gewehre und Degen verboten. so daß die Mannen in Zivil marschieren mußten. Nicht alle hielten sich an diese Anweisung, und Jägermajor Hermann Hilbig sowie Jägerhauptmann Balthasar Schmitz wurden deshalb in Höhe der alten Schmiede verhaftet und von den Belgiern abgeführt. Doch den beiden soll es kurz danach, in der Heide, gelungen sein, sich loszureißen und nach Hause zu flüchten. Mit zweijähriger; kriegbedingter Verspätung beging man 1920 das Jubiläum des 50jährigen Bestehens. Im Juni holten die Stürzelberger das ,,Goldene" nach, hatten dabei viele auswärtige Vereine zu Gast und legten 4.100 Mark auf den Tisch für die Kosten der Feier Das eigentliche Schützenfest, bei dem Willi Niklas den Vogel abschoß, wurde wie gewohnt im Herbst veranstaltet.

 

Schon kurz danach war in der Weimarer Republik mit Geld nicht mehr viel anzufangen: 1922/23 mußten alle Schützen nach Möglichkeit 25 Pfund Kartoffeln vor dem Fest abliefern. Die Naturalien wurden von den Musikern verlangt, denn das Geld war in Zeiten der Hochinflation nichts mehr wert. Auch vor den Karussells und Schaustellerbuden standen die Besucher mit Kartoffeln in den Taschen, da die Beschicker lieber Nahrhaftes denn Bares als Entgelt entgegennahmen. Wahrscheinlich war es das einzige Mal in der Geschichte der AIoysianer. daß ein Kassierer, namentlich Adolf Malzkon, Milliardenbeträge als Einnahmen verbuchen konnte. Zu den Kirmestagen sah man den Schatzmeister mit großen Bündeln Geldscheinen durch das Dorf eilen. Die Banknoten brachte er von den Sälen nach Hause, um sie dort glattbügeln zu lassen. Aus heutiger Sicht vielleicht ein spaßiges Bild. Für die Stürzelberger in den 20er Jahren aber grämende Realität. Nach Beendigung der Geldentwertung und Einführung der neuen Währung war das Vermögen der Kranken- und Festkasse auf ganze 12,91 Reichsmark im Jahr 1925 geschmolzen. Das führte dazu, daß kein Krankengeld mehr gezahlt werden konnte. Da seit langen' jedoch die gesetzliche Krankenversicherung eingeführt worden war, konnte man auch dies verschmerzen und den Sankt-Aloysius-Schützen- und Kranken-Verein nach 56 Jahren des Bestehens wieder auflösen. 1926 hieß er wieder kurz  .,Sankt-Aloysius-Schützenverein", für den die Mitglieder einen Monatsbeitrag von 25 Pfennig zu entrichten hatten. Gestrichen wurde unter anderem der Passus in der Satzung, nach dem der Verein den Umtrunk im Anschluß an die Beerdigung eines seiner Mitglieder zahlen mußte.Von denen lebten 1928 genau 177, und die hatten besonders viel zu feiern in jenem Jahr. Beispielsweise im März, als in der Neuß-Grevenbroicher-Zeitung die Anzeige mit dem Text erschien: ,,Unserem strammen und tüchtigen Oberst Herrn Adolf Engels zu seiner 54jähngen Mitgliedschaft sowie seinem 25. Jubeltage als Oberst widmet in Liebe und Treue ein dreifaches Hoch! Hoch! Hoch! St. AIoyslus  Schützenverein-Stürzelberg." Vivat rief man auch am 17. Juni, und zwar beim 60jährigen Stiftungsfest des Vereins, bei dem eine neue Fahne geweiht wurde. Einen schweren Verlust erlitten die Stürzelberger im April 1932 als 85jährig Gerhard Boes starb. Der älteste Einwohner war einer der Gründer des Schützenvereins, dem er bis zu seinem Tod angehörte. Boes, den der Volksmund ,,Büse Dokter" nannte, war der letzte Veteran des deutsch-französischen Krieges von 1870/71. Den Beinamen ,,Doktor" erhielt der ehemalige Sanitäts-Unteroffizier, weil er seine, bei der Armee erworbenen Fähigkeiten, in als erste Hilfe im täglichen Leben einsetzte und somit den ärmeren Mitbürgern den teueren Arztbesuch ersparte.

 

Nicht erspart blieb dem Rheindorf wie allen Deutschen hingegen das ,,Dritte Reich". Mit dem Beginn des Greuelregimes von Adolf Hitler am 30. Januar 1933 ergaben sich für die örtlichen Schützen wie auch die übrigen Gesellungen einschneidende Änderungen.

 

Die erste war bereits 1933 zu spüren, als für den ersten Sonntag im Oktober, an dem traditionell die Spätkirmes auf dem Programm stand, ein Erntedankfest angeordnet und ein Ernteumzug in den bestehenden Ablauf integriert wurde. Schon ein Jahr später wurden die beiden Festlichkeiten getrennt. Schützenfest feierte man jetzt am 3. Sonntag im September und ab 1935 regelmäßig in einem Zelt auf den Rheinwiesen. Gleich geschaltet waren sie nun, die Traditionshüter aber ihre Ehrentage begingen sie in gewohnter Form, wenngleich  jetzt  NS-verordnete Neuerungen anstanden: Zum Beispiel das „Treuegelöbnis an den Führer", das Singen des Horst- Wessel-Liedes und der Nationalhymne. 1932 hatte man das Stiftungsfest wegen anhaltend schlechter Kassenlage ausfallen lassen. Zwar war die Finanzlage in den nächsten Jahren besser, doch auf das Patrozinium verzichtete man auch weiterhin, um den Nazis den religiösen Charakter des Festes nicht zu zeigen. Von 1932 bis 1936 hatten sich die AIoysianer sogar der Erzbruderschaft vom heiligen Sebastianus angeschlossen. ohne sich aber selbst als Bruderschaft zu bezeichnen. Der 1933 gewählte Präsident und spätere Ehrenbrudermeister Heinrich Malzkorn mußte sich ,,Vereinsführer" nennen und Fahnen waren nur noch erlaubt. wenn sie Hakenkreuzwimpel trugen. Zur Parade gehörte der sogenannte ,,deutsche Gruß". Diese aufgepfropften Veränderungen verwässerten nur wenig das ursprüngliche Procedere, mit dem der Verein und die Bürger ihr Schützenfest zelebrier­ten. 1938 wurde mit ,,einem wohlgezielten Schuß" Franz Schmitz neuer Schützenkönig. Er sollte es lange bleiben, denn es war die letzte Feier vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 der die Aktivitäten der Schützen lähmte. Noch bis 1941 traten sie beim sogenannten „Heldengedenktag" in Erscheinung, dann wurde es gänzlich still. Das kriegbedingte, sinnentleerte Sterben an den Fronten und in der Heimat begann. 73 Stürzelberger Soldaten wurden getötet, 48 blieben vermißt, 28 Dorfbewohner fanden im Ort den Tod.Aus Reihen der Traditionshüter starben 28 Menschen.Wie der Krieg sich im und für das Dort auswirkte. beschrieben Herbert Milz und Jakob Justenhoven so: „Am 27 Januar 1943 ging auf Stürzelberg die erste Bombe nieder. Es war eine britische Luftmine, die im Garten des Metzgers Adolf Malzkorn explodierte und durch den ungeheuren Luftdruck großen Schaden in der Umgebung anrichtete. Menschenleben waren nicht zu beklagen. Dafür mußten jedoch 21 Mitbürger durch Granaten ihr Leben lassen, als deutsche Artillerie von der rechten Rheinseite aus im März 1945 das Dorf unter Beschuß nahm. Stürzelberg war gegen Kriegsende einer der Westfront-Brückenköpfe. Über eine Woche lang setzten deutsche Truppen Tag und Nacht in Höhe der Unter- und der Rheinstraße ( die heutige Uferstraße) mit zwei Fährschiffen über den Rhein. Währenddessen erwartete ein Großteil der Bevölkerung in den Dorfbunkern den Einmarsch der Amerikaner. Der alte und erkrankte Dechant Biesenbach erteilte Sonntag, den 4. März 1945, im Bunker unter dem ,,Rude Kupp" die Erstkommunion und zwei Tage später seinen gesamten Pfarrkindern die Generalabsolution. Als am Morgen des 6. März die letzten deutschen Soldaten das Dorf verlassen hatten und die Amerikaner bereits von der B 9 aus ein paar Panzerschüsse auf den hiesigen Ort abgegeben hatten. gingen ihnen die beiden Schützenbrüder Heinrich Heinrichs und Balduin Erkelenz mit der weißen Fahne entgegen. (Vorher war bereits die weiße Fahne auf dem ,,Rude Kupp" gehißt worden. Sie wurde jedoch von deutschen Soldaten. die mit einem Sturmboot über den Rhein zurückkamen unter der Drohung heruntergeholt Stürzelberg werde zusammengeschossen, wenn sie noch einmal gezeigt werde. Unabhängig von dieser gewiß leeren Drohung wurde der Ort dennoch, wie erwähnt. von der rechten Rheinseite aus beschossen. Für die Bewohner der zum Rhein hin strecken weise offenen Unterstraße. welche im Dritten Reich   ,,Hermann-Göring-Straße'.' hieß war es lebensgefährlich sich tagsüber zu zeigen. Daher mußten sie für zwei Monate ihre Häuser verlassen, und zwar von März bis Mai. Durch den persönlichen Einsatz der zwei Schützen retteten sie wahrscheinlich das Dorf und seine Bewohner vor größerem Unheil. Welche Tragik, daß Heinrich Heinrichs am nächsten Tag durch eine deutsche Granate getötet wurde."

 

Für die. die zu Hause überlebten, und die, die von der Front zurückkamen, begann 1945 ein langwieriger Prozeß des Wiederaufbaus. Trotz der existenziellen Nöte gaben sich die Männer des Schützenvereins daran, ihrer Gemeinschaft möglichst bald wieder Gestalt und Leben zu geben. Die Militärregierung der Briten war aber noch zögerlich, erlaubte zunächst ausschließlich den katholischen historischen Schützenbruderschaften. ihre Veranstaltungen zu organisieren und durchzuführen. „Glaube. Sitte und Heimat" hatten sich die Bruderschaften aufs Panier geschrieben, Zielsetzungen, die auch der alte Stürzelberger Schützenverein verfolgt hatte. So fiel die Umwandlung vom Verein in eine Bruderschaft nicht besonders schwer. Im September 1947 wurde durch den Diözesanverband vom Heiligen Sebastianus im Erzbistum Köln die „Sankt-Aloysius-Schützenbruderschaft 1868“ bestätigt und in den bruderschaftlichen Verband aufgenommen. Die Entscheidung gab gleichzeitig grünes Licht für die Veranstaltungen. Schon am 20. September 1947 feierte man in Stürzelberg wieder ein Schützenfest obwohl die Rahmenbedingungen so spärlich wie wohl nie zuvor waren. Die Kasse war leer, die teilweise vergrabenen Fahnen waren verstaubt oder vermodert, Motten hatten die Schärpen der Träger und der Vorstandsmitglieder zerfressen, Degen, Gewehre und Uniformen waren gestohlen. Holzgewehre und Stichwaffen durften laut Anweisung der Besatzungsmacht nicht getragen werden. So ermittelte man zwei Jahre lang die Majestät über das Armbrustschießen. Heinrich Richrath wurde erster Nachkriegskönig. Franz Schmitz („Jörjes Franz") war einer derjenigen, denen es zu verdanken war, daß die Traditionshüter nach dem Kriege überhaupt wieder auf die Beine kamen. Er hatte unter anderem dafür gesorgt, daß die Kette mit dem Königssilber in der unmittelbaren Nachkriegszeit bei Hausdurchsuchungen der Alliierten nicht gefunden und  mitgenommen  wurde. Den Schmuck hatte Schmitz im Kopfkissen versteckt Ihn wählte man 1950 zum ersten Brudermeister. Diese Position hatte Schmitz bis 1962 inne. Ihm zu Ehren wurde nach seinem Tod am 12. Dezember 1965 das ,,Franz-Schmitz-Gedächtnis-Schießen" ver­anstaltet, das 1966 seine Premiere hatte.

 

Während die strengen Auflagen der Besatzungszeit mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland wichen, wuchs die Zahl der Traditionshüter in den 50er Jahren rasch auf über 200. Sie konnten 1955 auf ihren neuen Schießstand bei Peters anstoßen, auf dem Johann Heuser als erster den hölzernen Vogel zu Boden beförderte. Eine weitere Neuerung gab es ein Jahr später, als Pfarrer Paul Huisgen, der von 1953 bis 1960 die katholische Gemeinde leitete, erstmals einen Feldgottesdienst auf dem Lindenplatz zelebrierte. Nicht ändern wollte hingegen die Generalversammlung den Termin des Hauptfestes. 1959 gab es den Antrag, das Schützenfest vorzuverlegen. Der Vorschlag fand allerdings keine Mehrheit, es blieb zunächst beim Datum Ende September. Erst 1964, als auch erstmals eine Frühkirmes  veranstaltet  wurde, einigte man sich unter Brudermeister Peter Malzkorn darauf, das Schützenfest am vierten Sonntag im August zu begehen. Die Witterung Ende September war den Marschierern oft schon zu naß und kalt 1961 war Stürzelberg Gastgeber von rund 20 Bruderschaften, die zum Bezirksfest an den Rhein kamen. Unter der Schirmherrschaft von Ehrenbrudermeister Dr. Schütz und Bürgermeister Hermann Schmitz war dies die erste Ver­anstaltung mit überregionaler Bedeutung. die die AIoysianer ausrichteten. Sie bemühten sich in Folge auch um Verbesserung der ,,zwischenstaatlichen" Beziehungen zum Nachbarort Zons. Seit 1373 trug die Zollteste den Titel Stadt und band damit Stürzelberg rechtlich und kirchlich an sich. Für die Stürzelberger war dies eine lästige Konstellation, Sie mußten beispielsweise zum Gottesdienst den Weg zu Fuß nach Zons machen.Im Laufe der Jahrhunderte mühte man sich im Rheinort mehrfach um die Unabhängigkeit vom wenig geliebten Nachbarn. Zunächst vergeblich. Zwar besaß man Mitte des 17 Jahrhunderts schon eine eigene Kapelle, doch erst 1851 erhielt der Ort mit Peter Groven einen eigenen Rektor, und erst 1919 wurde Sankt Aloysius als eigenständige Pfarre anerkannt.Den Zwist zwischen den Stürzelberger „Murreköpp" und den Zonser „Knolleköpp" zu schlichten, das versuchten die Traditonshüter beider Orte. Ab Mitte der 60er Jahre nahm die Stürzelberger Bruderschaft an den Veranstaltungen der Sankt-Hubertus­Schützengesellschaft  Zons  und umgekehrt teil.  Majestäten,  Vorstände und Marschierer zogen mit durch den jeweils anderen Ort.

 

So ganz ohne Bezug lebten die beiden Schützenvereine in der damaligen Stadt Zons aber auch zuvor nicht nebeneinander. Die Aufzeichnungen des ehemaligen Zonser Küsters Joseph Peter Schwieren belegen, daß ein Stürzelberger so gar einmal Schützenkönig in Zons war. Der Junggeselle Josef Hendrik Falkenberg schoß am 14. Mai 1744, dem Sonntag vor Pfingsten. an den Rheinpforten den Vogel der Zonser Sankt-Sebastianus­Schützenbruderschaft von der Stange und wurde so Majestät der Zonser

 

219 Jahre später wurde Jakob Zell zum zweiten  Brudermeister der Sankt-Aloysius-Schützenbruderschaft gewählt. Der junge Mann im Vorstand hatte sich bereits als Mitbegründer der Sappeure einen Namen gemacht. Den Zug zu gründen, hatte einst Heinrich Richrath angeregt, der Zell vorschlug: ,,Macht doch Sappeure, die fehlen im Regiment.“ Damals antwortete Zell verdutzt:
Was sind denn Sappeure?" Schon bald wußte er es genau, und die blau-weiße Truppe machte im Festzug mit. Zell war es auch, der in diesen Jahren mit der Gestaltung des Schützenplatzes  begann.  Dieser zog  sich ursprünglich vom Kapellenberg bis in den Bereich unterhalb des Kriegerdenkmals, wurde aber - auch schon vor Errichtung der NATO-Rampe - zu klein für Schausteller und Besucher Erweiterungsabsichten stand allerdings die damals zuständige Untere Wasserbehörde in Duisburg nicht besonders aufgeschlossen gegenüber. Die Beamten aus dem Ruhrgebiet waren für die Stürzelberger Rheinseite zuständig, hatten mit dem Schützen wesen und dessen Bedürfnissen aber wenig im Sinn. Dies wohl wissend, stellten die Traditionshüter die Behörde einfach vor vollendete Tatsachen, Mit einer Raupe, Leihgabe seines Arbeitgebers Henkel, begann der zweite Brudermeister, das Terrain zu ebnen. Zwar sprach man von „Rheinwiesen“, doch dort, wo sich heute flaches Gelände erstreckt, war eine zerfurchte, aufgeworfene Landschaft, Grünbewachsene Erdwälle mußten abgetragen, metertiefe Löcher verfüllt, Wurzelwerk entfernt werden. Mitte der 60er Jahre war der erweiterte Schützenplatz nutzbar Allzulange sollte das Gelände aber nicht den wieder wachsenden Ansprüchen genügen. Die bürokratischen Hindernisse für den zweiten Ausbau waren aber nicht so groß wie beim erstenmal, 1983 war der Platz in seit der heutigen Ausdehnung fertiggestellt. Zwar war der Landschaftsschutzverband Grevenbroich auch wenig begeistert von den Expansionsabsichten, doch genehmigende Stelle war die Wasserbehörde in Köln, die die Nachfolge des Duisburger Amtes für Stürzelberg angetreten hatte. Die Beamten der Domstadt waren den Wünschen der Schützen weitaus aufgeschlossener als ihre Kollegen von der Ruhr und aus der Schloßstadt. Als der zustän­dige Sachbearbeiter mit Vorstandsmitgliedern das Areal neben der mittlerweile  erbauten  NATO-Rampe besichtigte fragte er nur: “Wat wullt ihr dann maache?" Die gewählten Vertreter der Bruderschaft erklärten es ihm, und wenig später lag der positive Bescheid vor, der die Erweiterung auf den jetzigen Standard ermöglichte.
Aktualisiert ( Sonntag, 08. Februar 2009 um 14:03 )
 


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